Kommentar: Die unsichtbaren Köpfe vom „Spiegel“
Sie ist jung, schön und blickt den Leser direkt an. Zusammen mit drei anderen ziert Amrai Coen das Cover des aktuellen „Spiegel“. Der Titel: „Wir Krisenkinder“. Im Editorial ist zu lesen: „Das Titelbild zeigt vier junge Deutsche, die für ihre Generation stehen: die Praktikantin Amrai Coen, 22 (im Vordergrund), die Friseurin Siiri Pflughaupt, 23, Ibadet Ramadani, 32, Sängerin der Band Super700, und den Aktivisten Jan-Ole Arps, 30.“
In der dazugehörigen Titelgeschichte „Die Krisenprofis“ kommen jedoch nur zwei der vier Titelmodelle zu Wort. Die Sängerin Ramadani und die groß abgebildete Praktikantin Coen finden in der Geschichte keinerlei Erwähnung, nicht in einem Satz, nicht mit einem Zitat.
Man könnte denken, das versinnbildlicht die Geschichte. Denn es geht um die 20- bis 35-jährigen Deutschen, eine Generation, die dem Artikel zufolge frei von Ideologie ist, sich nie beschwert und eigentlich unsichtbar ist. „Es gibt keine Köpfe, an die man denken kann, wenn man an sie denkt, es gibt niemanden, der für sie spricht“, heißt es da.
Der Spiegel präsentiert Köpfe, die nach dem Titelbild unsichtbar werden. Vielleicht in der Erwartung, dass sich in dieser Generation ja eh niemand beklagt. So gesehen könnte man tatsächlich sagen, das Cover ist Sinnbild der Geschichte. Man könnte aber auch sagen: Es ist dreist, jemanden als Titelmodell zu zeigen, als Krisenkind zu betiteln, im Editorial namentlich anzupreisen und dann dastehen zu lassen, als habe derjenige nichts zu sagen. Denn um ein Symbolfoto handelt es sich hier wirklich nicht.
Ich glaube, dass die beiden Frauen vom Cover durchaus für etwas oder jemanden sprechen, dass sie etwas zu sagen haben. Ramadani ist Sängerin und Coen eine junge, aber schon ausgezeichnete Journalistin. Solche Leute haben meist etwas zu sagen. Leider nicht in dieser „Spiegel“-Ausgabe.
Aber selbst wenn die Fotografierten wider Erwarten kein Problem damit hätten, nur auf dem Titel ausgestellt zu werden, einem sollte das Ganze auf jeden Fall bitter aufstoßen. Demjeningen, dem sie im Editorial als Stellvertreter ihrer Generation vorgestellt wurden: dem Leser. Auch wenn er zwischen 20 und 35 Jahren alt ist.

vielleicht noch ganz interessant:
“Amrai Coen hat unlängst die Zeitenspiegel-Reportageschule… abgeschlossen und absolviert jetzt ein Praktikum beim Spiegel in Hamburg”
der spiegel ist mal wieder weite wege gegangen um jemanden für den titel zu suchen…
Danke für den Hinweis. Ich hatte mir fast schon so etwas gedacht, aber gesehen hatte ich es nicht. Dabei steht’s sogar auf der Seite der Zeitenspiegel-Schule: http://www.zeitenspiegel.de/suche/?q=reportage
Es ist doch echt ein Witz: Gerade zu der Geschichte hebt der “Spiegel” die eigene Praktikantin aufs Cover. Und dann schreiben sie noch ganz unschuldig und einfach “die Praktikantin” anstatt offen und ehrlich “die Spiegel-Praktikantin”.
Danke für die Diskussion. Wir gehen zu 100% komfort! Doch es geht sogar darüber hinaus… das war mit Abstand der schlechteste Spiegel seit Langem, trotz der sehr ansehnlichen Titelmodels.
Amrai Coen schreibt in SPIEGEL special 1/2009 ab Seite 118; vgl.
http://wissen.spiegel.de/wissen/archiv/inhalt/inhalt.html?q=SPC&j=2009&a=1
oder auch
http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,634853,00.html
Auch auf das Cover des Spiegel special 1/09 hat sie es geschafft (und wird auf der Webseite lediglich als “Praktikantin” und “das Mädchen auf der Titelseite” beschrieben):
http://shop.spiegel.de/shop/action/productDetails/8626566/1_2009_was_wird_aus_mir.html?aUrl=90009999
Lesenswert ist ihr Reisebericht auf http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,634853,00.html
Hier gibt’s mehr Hintergrund zu Amrai Coen: http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,634853,00.html
http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,634853,00.html
Wobei heute “ihr” Artikel auf
http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,634853,00.html
veröffentlicht wurde und ich mich so sehr gefragt habe, wie so etwas Triviales dorthin gelangen konnte, dass ich mich gezwungen sah, ihren Namen zu googeln und so auf diesen Beitrag stieß…
Jetzt ist Amrai Coen aber doch zumindest bei Spiegel Online mit Ihrer geschichte aufgetaucht. Wieder typisch unsere Generation; eher online als im print…
hier ist eine schöne geschichte über ihre weltreise. toll geschrieben, tolle bilder, tolles mädchen…
http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,634853,00.html
ich finde es auch schade das man es sich so einfach gemacht ohne groß auf die suche zu gehen…
coen ist augenscheinlich sehr sympathisch aber wirkt in den details ihres reiseberichts sehr unausgegohren in bezug auf ihre persönlichkeit…
außerdem wirkt der bericht unecht was aus ihren gezwungen komisch wirkenden kommentaren resultiert…im endeffekt kann ich nicht verstehen warum man auf eine weltreise geht und doch nur alles aus der zuschauerperspektive sieht….
gruß vom mantel
@manteltasche: nur weil du den text nicht verstehst, heißt es noch nicht, dass die autorin komisch ist. “charakterlich unausgegoren” finde ich es eher, solche kommentare zu verfassen wie du.
Danke erstmal für die vielen Kommentare.
Tatsächlich ist Frau Coen auch auf dem Cover des aktuellen Spiegel Specials (ebenfalls zu den Krisenkindern) zu sehen. Diesmal ist sie angenehmer Weise auch mit einer eigenen Geschichte im Heft vertreten. Dabei handelt es sich um den Artikel, der auch bei Spiegel Online erschienen ist und hier ja schon reichlich verlinkt wurde.
Auch Ibadet Ramadani kommt im Spiegel Special zu Wort. Zu Amrai Coen gibt es im Editorial außerdem weitere Infos. Dass sie Praktikantin ausgerechnet beim Spiegel ist/war, steht allerdings weiterhin nicht dabei.
Der Spiegel und die Fotografie… eine Baustelle. Es gibt genügend Nachrichtenmagazine, wie z.B. Time (von der sich der Spiegel ja immerhin in letzter Zeit die großen Aufmacher abgeguckt hat), die vormachen, dass auch ein hochseriöses Medium Fotos mit hohem ästhetischen Niveau zeigen kann.
ja, mein vorschreiber hat recht – der wöchentliche spiegel ist optisch kein genuss. allerdings ist es meiner meinung nach totaler quatsch, dass der spiegel time in letzter zeit die großen aufmacher abgeguckt haben soll: beispiele??? mir fiel im gegenteil gerade auf, dass time dem spiegel den titel “wir krisenkinder” abgeschaut hat (”generation disappointment”). sonst würde mir umgekehrt nichts einfallen: aig? versailles? michael jackson? iran? opel? welches dieser titelbilder wurde denn nun von time geklaut? http://service.spiegel.de/digas/servlet/epaper?Q=SP&AN=TITELGALERIE
ansonsten, da hier hier gerade von diesem spiegel special die rede ist: gerade hier ist der vorwurf, dass der spiegel fotografie nicht kann, am absolut unpassendsten, denn es ist optisch ein genuss, ganz spiegel-untypisch.
Oh, ich habe natürlich nicht gemeint, dass der Spiegel Time-Titel kopiert.
Was ich meinte ist, dass die behutsame Modernisierung im Spiegel-Layout, die 2/3-Seitige, Ganzseitige und 1 1/3-Seitige Aufmacher mit sich gebracht hat, sicherlich unter anderem von Time inspiriert war. Denn die haben solche Aufmacher schon länger. Deren Layout ist aber auch insgesamt deutlich moderner und der gesamte Umgang mit Fotografie weniger technisch illustrativ, sondern deutlich unabhängiger vom Text und mit mehr ästhetischem Gespür (womit ich um Gottes Willen nicht sagen will, dass Time voller schöner Bilder ist).
Was das inhaltliche angeht, da gehe ich davon aus, dass die Redaktionen sich die Cover des anderen genau ansehen, aber zum kopieren ist wohl meist gar keine Zeit, da man dann eine Woche zu spät käme.
@hosentasche
von verstehen kann garnicht die rede sein weil nun mal jeder seine eigenen gefühle und gedanken zu solchen geschichten hat…muss dann direkt wieder auf den der das alles nicht so toll findet und nur sagt was er dabei fühlt wieder eingedroschen werden…??
ich finde die gesamte krisenkinder aufmachung schon sehr komisch weil ich das alles garnicht so empfinde…wie die beispiel krisenkinder im spiegel…
liebe grüße an den taschennachbarn:)