Last-Minute-Tipp: Robert Lebeck. Fotografien 1955-2005
Die Ausstellung läuft nur noch bis zum 23. März – umso dringender möchten wir euch den Besuch ans Herz legen: Der Martin-Gropius-Bau in Berlin zeigt eine ebenso umfassende wie umwerfende Schau der Bilder des deutschen Reportage-Fotografen Robert Lebeck.
Wie vielfältig und spannend Lebecks Werk ist, zeigen die Wandtexte der Ausstellung im Gropius-Bau. Als Appetithappen dokumentiert Flare 5 der insgesamt 15 Texte:
AFRIKA IM JAHRE NULL
„Afrika im Jahre 1960 war ein Rätsel, ein Geheimnis. Binnen zwölf Monaten entließen Frankreich, England und Belgien 17 Kolonien südlich der Sahara in die Unabhängigkeit. Jeden Monat wurde irgendwo eine Republik geboren, und nicht selten verliefen diese
Geburtstunden dramatisch und schmerzhaft. Niemand wusste, wie sich die Neulinge entwickeln würden. Für einen jungen Journalisten wie mich bot dieser plötzlich so selbstbewusste Kontinent ein ideales Reportagefeld. Von März bis Juni 1960 durchquerte ich Mali, Senegal, Guinea, Togo, Ghana, Nigeria, Mozambique, Rhodesien, Nyassaland (das spätere Malawi), Belgisch-Kongo und Südafrika. Die Reise endete am 30. Juni in Leopoldville, dem heutigen Kinshasa, wo der belgische König gerade den Kongo in die Unabhängigkeit entließ. Kaum war bei der Unabhängigkeitsparade die majestätische Limousine an uns vorbeigerollt, als ein junger Schwarzer auf den Wagen zustürzte, sich blitzschnell den königlichen Degen griff und davonhastete – direkt auf meine Kamera zu! So entstand ein Schnappschuss voller Symbolkraft. Der Degendieb ist bis heute mein
meistgedrucktes Foto und mein Erkennungsbild, fast mein Markenzeichen geworden.“
HURRA, WIR LEBEN NOCH
„Grau. Wenn man sich Fotografien aus den deutschen Nachkriegsjahren anschaut, überfällt einen diese Farbe geradezu: Graue Mäntel, grauer Staub, graue Trümmer, graue Äcker, graue Häuser, ja, sogar die Menschen wirken irgendwie grau. Grauenvoll.
Trümmerdeutschland war aber gar nicht so. Ich hatte nach dem Krieg lange genug in den USA zugebracht, um die Gemütslage einer satten, siegreichen Nation kennenzulernen, die zu ahnen beginnt, dass ihre besten Zeiten vorbei sind. Genau umgekehrt war es in Deutschland. Dort herrschte eine Aufbauatmosphäre und die euphorisierende Gewissheit, dass nun das Schlimmste überstanden war. Die Menschen bauten Häuser aus Ruinen und auf Brachen neue Fabriken, in den Provisorien feierte und tanzte man, amerikanische GIs vergnügten sich mit deutschen Mädels, von Stuttgart bis St. Pauli setzte ein zarter Aufschwung ein, und Elvis brachte uns den Hüftschwung bei. Doch wie eine dunkle Erinnerung, dass der Krieg gerade erst gestern gewesen war, kehrten 1955 die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus dem Osten zurück. Ein Heer von Wattejacken, Holzkoffern und zerschlissenen Schuhen versammelte sich da in Friedland, auf manche warteten Angehörige, auf viele nicht. Die Gesichter, in die ich an diesem Tag blickte, waren tatsächlich tiefgrau.“
ROMY SCHNEIDER
„Als ich meine Kamera hervorholte, begann sie gleich mit ihr zu flirten, führte mich ins Badezimmer, um sich vor dem Spiegel aufnehmen zu lassen. Ich brauchte gar nichts zu sagen, keine Anweisungen zu geben, konnte sie einfach sich selbst spielen lassen. Später merkte ich, dass sie genau das an mir mochte: dass ich sie Romy Schneider sein ließ. Sie war unglaublich fotogen, wahrscheinlich der kamerafreundlichste Mensch, den ich jemals vor die Linse bekommen habe.“
KÖPFE DER POLITIK
„Die Rituale glichen sich wie die Gesichter und die Schauplätze. Staatsbesuch in Bonn, und der jeweilige Bundeskanzler/Bundespräsident tritt mit seinem Gast vor die Presse. Händeschütteln, Lächeln, ein paar verkrampfte Bemerkungen. Danke, das muss reichen. Weil aber auch Politiker Menschen sind, blitzte manchmal für Sekunden ein bisschen
Individualität auf, die das Protokoll nicht vorsah. Der russische Außenminister Andrej Gromyko zum Beispiel griff sich spontan meine Kamera und fotografierte zurück. (Das Bild wurde nichts. Was lernen wir daraus? Fotografieren ist doch nicht so einfach.) Sein Chef, Leonid Breschnew, verwickelte mich einmal in ein Gespräch, als ich gerade aus der Sowjetunion ausgewiesen worden war – und besorgte mir, als ich ihm davon erzählte, prompt ein neues Visum. Und bei einem Besuch auf Titos Adriainsel Brioni kramte der jugoslawische Staatspräsident stolz Fotografien hervor, die er persönlich bei Reisen durchs Land gemacht hatte. Mit einigen von ihnen, so erzählte Tito, habe er sich einmal incognito an einem Fotowettbewerb in Belgrad beteiligt. Postwendend seien die Fotos zurückgekommen. Begründung: ‘Die Bilder entsprechen leider nicht unseren Vorstellungen.’“
BÜHNENREIF
„Als Fotograf ist man Eindringling, das hat schon Henri Cartier-Bresson erkannt. ‘Man muss sich seinem Gegenstande, selbst wenn es sich um ein Stillleben handelt, höchst behutsam, auf Samtpfoten, aber mit Argusaugen nähern’, riet er. ‘Nur kein Geschiebe und Gedränge – wer angeln will, darf das Wasser vorher nicht trüben.’ Leichter sind die Fischzüge natürlich, wenn man es mit Profis zu tun hat, die sich gerne einfangen lassen. Mit Alfred Hitchcock beispielsweise brauchte ich nur durch Hamburg spazieren und ihn bitten: ‘Herr Hitchcock, spielen Sie doch mal ein bisschen Herrn Hitchcock’. Alles weitere erledigte er. Er kannte genau den Blick der Kamera, er spielte und kokettierte mit ihr wie eine Frau, die den Blick eines Verehrers auf sich spürt. Auf einer Hafenbarkasse spähte er konspirativ durch eine Kajütentür, im alten Elbtunnel posierte er als Killer im Treppenhaus. Es war ein grandioser, 20-Minuten-Stummfilm, inszeniert und gespielt von Alfred Hitchcock. Als ein Reporter einmal ins Bild lief, herrschte Hitchcock ihn im Atelier-Jargon an: ‘Get out of the picture!’“
„Robert Lebeck. Fotografien 1955-2005“
Martin-Gropius-Bau, Berlin
Noch bis zum 23. März 2009
Eintritt:6 € / ermäßigt 4,50 €
Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre freier Eintritt
Öffnungszeiten:Mi. bis Mo. 10–20 Uhr, Di. geschlossen
