Fabian Stürtz: “Die Hälfte der Motive verpasse ich”

Fabian hat es beim Photo Battle 2013 ins Finale geschafft und tritt gegen Laura an. Für dieses Interview haben wir ihn per Telefon erreicht, während die Hinrunde lief. Kaum hatten wir hallo gesagt, begann er auch schon zu erzählen …

Fabian: Hey, ich habe heute Morgen die Fotos für die Hinrunde geschossen. Wenn die Leute, die mir Feedback geben, jetzt nicht sagen “Alter, das ist total scheiße”, ist die Serie fertig.

Flare: Cool. Holst du dir im Photo Battle immer vorab Feedback?
Nein, nicht immer. Aber heute habe ich sieben Bilder geschossen und bin nicht sicher, welche drei ich nehmen soll. Und manchmal hadert man ja auch mit seiner Arbeit. Für solche Fälle gibt es ein paar Leute, die mir gerne auch hartes Feedback geben. Die frage ich dann.

Wer ist das?
Zum Beispiel ein guter Freund, der meine Sachen schon lange kennt und ein gutes Auge hat. Oder ein anderer, der diesen Wettbewerb intensiv verfolgt.

Sind das auch Fotografen?
Nein, da ist kein einziger dabei. Ich habe auch gar kein Fotografennetzwerk. Ich glaub, ich kenne insgesamt zwei Fotografen. Dafür ist einer der Leute, die mir Feedback geben, Grafiker. Den schätze ich sehr, weil er ein saugutes visuelles Verständnis hat. Der kommt mir auch mit der härtesten Kritik. Da gibt es Bilder, die finde ich total geil und er sagt: “Alter was ist das denn für eine Scheiße, was willst du damit sagen?”

Was machst du in so einer Situation?
Wenn jemand ein gutes Argument hat, kann das bei mir Früchte tragen. Oder ich merke, dass ich das Bild so gut finde, dass mir selbst die Meinung von ihm egal ist. Dann wird es lustig und wir streiten uns wie zwei Kinder im Sandkasten.

Wie wählst du Themen aus, die du im Battle vorgeben musst?
Ich setze auf meine Stärken und versuche, mich nicht auf zu dünnes Eis zu bewegen. Im Finale gegen Laura wusste ich jetzt zum Beispiel, dass sie immer sehr schöne und ästhetische Sachen macht. Da versuche ich natürlich nicht, sie auf ihrem Terrain zu schlagen, sondern konzentriere mich auf das, was ich kann. Und ich hoffe, das klappt mit dem Thema Zuhause.

Aber Zuhause kann durchaus ästhetisch sein. Du hättest auch etwas wählen können, das noch weniger zu Lauras Stil passt.
Ja, aber ich will auf meine Stärken bauen und nicht auf Schwächen des Gegners. Übrigens finde ich es einfacher, ein Thema vorgegeben zu bekommen. Wenn ich selber dran bin, mache ich mir viel länger einen Kopf, weil ich dann doppelt verkacken kann. Ich finde es an dem Wettbewerb aber eh geil, dass man über Wochen herausgefordert ist und nicht weiß, wer einem gegenübertritt. Du bekommst etwas vor die Füße geworfen und musst was daraus machen. Das kurbelt an.

Überlegst du dir erst ein Thema und schaust dann, was du daraus machst? Oder hast du erst eine Fotoidee und verpackst sie dann in Worte, um ein Thema daraus zu basteln?
Das war von Runde zu Runde verschieden. Heute Morgen habe ich zum Beispiel Portraits von Obdachlosen am Kölner Dom geschossen. Da ich schon seit Jahren Obdachlose fotografiere, hatte ich diese Idee schon im Hinterkopf, aber das kannst du ja nicht planen. Wenn du Pech hast, gehst du zehnmal vorbei und da sitzt keiner. Daher war ich echt glücklich, als ich die Bilder im Kasten hatte. Mein Plan B war übrigens, einfach meine Eltern zu fotografieren und das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Aber ich mag es lieber, ein Thema mit um die Ecke zu nehmen. Also in diesem Fall Zuhause im Sinne von kein Zuhause zu interpretieren.

Wie lief das Shooting?
Ich liebe es, eine komplette Strecke in einem Flow und unter gleichem Licht zu fotografieren. Die Serie heute habe ich in fünf Minuten geschossen. Das war ein Volltreffer. Zuerst hatte ich übrigens überlegt, nur einen Obdachlosen zu portraitieren und auch seinen Schlafplatz zu zeigen. Aber das wäre zu nahe an meiner Verfall-Strecke aus dem Viertelfinale gewesen.

Fragst du die Leute, die du fotografierst, um Erlaubnis? Sagst du, es ist für einen Wettbewerb und wird im Netz veröffentlicht?
Die Leute am Kölner Dom zum Beispiel sind es mittlerweile schon ein bisschen gewohnt, dass man sie fotografiert. Und mit der ersten Obdachlosen habe ich lange nett gequatscht. Sie hat den Ort sogar selber als ihr Zuhause bezeichnet. Dann habe ich erzählt, dass das für einen Wettbewerb ist. Wenn man sagt, es ist fürs Internet, wirkt das manchmal abschreckend. Aber mit einem Kontext wie dem Thema Zuhause geht es dann.

Bist du so auch schon gescheitert?
Klar. Zum Thema Verfall bin ich in ein altes Haus geklettert und wollte Meth-Junkies fotografieren. Aber es ist schwierig, wenn du dich vor jemanden stellst und sagst: “Ja moin, ich fotografier zum Thema Verfall und möchte dein Gesicht dazu ablichten.”

Hast du das ausprobiert?
Ja, aber die hatten keinen Bock drauf. Manche haben gesagt, sie geben ihr Gesicht dafür nicht her. Was ich auch voll verstehe. Ich glaub, ich hätte an ihrer Stelle ähnlich reagiert. Teilweise sagten sie aber auch: Sorry, geht gerade nicht, ich bin hier illegal oder ich werde von der Polizei gesucht. Und daraus entstand dann die Idee, nur das Gebäude mit den Spuren der Menschen zu fotografieren.

Bei dir tauchen immer wieder sozialkritische Themen auf. Liegen dir die besonders am Herzen?
Ich finde es schön, ein wenig dokumentarisch zu arbeiten. Und dafür ist die Drei-Bilder-Vorgabe ideal, denn da kannst du eine Geschichte erzählen. Und wenn du das in drei Bildern nicht schaffst, dann auch in fünf nicht. Dazu kommt: Ich lebe vom Fotografieren und versuche, im Wettbewerb ein wenig wegzukommen von meinen Auftragsarbeiten. Nur beim Thema Atmosphäre gab es eine Überschneidung.

Da hast du einen Boxkampf fotografiert. Für wen warst du unterwegs?
Direkt für die Veranstalter. Und das war dann auch das perfekte Beispiel für das Erzählen einer Geschichte: Erstes Bild: Der Boxer ist vor dem Kampf auf dem Weg zum Wiegen. Zweites: Während des Kampfes, im Hintergrund das Nummern-Girl. Drittes: Der eine Kämpfer steht da mit dem Kopf nach unten und hat verloren, der andere bekommt den Arm hochgestreckt und ist der Sieger. Wie früher im Deutsch-Unterricht: Einleitung, Hauptteil, Ende.

Im Vergleich zum Wettbewerb: Machst du bei deinen Auftragsarbeiten noch etwas anders, ist es eine unterschiedliche Arbeitsweise?
Nein, nicht grossartig. Ich bin keiner, der im Studio ist oder der eine Visagistin dabei hat. Der Arbeitsstil ist immer der gleiche: Ich und die Kamera und der Mensch oder die Szenerie vor meiner Linse.

Du fotografierst mit einer Leica und einer Canon 5D. Welches sind deine Lieblingsoptiken?
Wenn ich so unterwegs bin, ist es bei der Leica ein 35mm-Objektiv. Bei der Canon ein 50er – damit mache ich auch die meisten Sachen. Zoomen ist nicht so meins. Ich stelle mich auf eine Sache ein und fertig. Die Hälfte der Motive verpasse ich so, dafür mache ich die andere Hälfte umso besser. Mich immer allem anzupassen und mehrere Objektive in der Tasche zu haben, davon habe ich mich vor ein paar Jahren verabschiedet.

Hast du genug Auftraggeber und kannst gut davon leben?
Ja, weil ich in dieser Nische bin: authentisch, nicht inszeniert, der Schwerpunkt bei Portraits und Dokumentation. Ich habe meist drei, vier Termine pro Woche, die sind alle gut bezahlt und mal mehr, mal weniger Spagat zwischen Kunst und Dienstleistung.

Nenn doch mal ein paar Auftraggeber.
Meist habe ich das Glück, für den Fotografierten selbst zu arbeiten, etwa für einen Künstler, Schauspieler oder Musiker. Sonst auch für Marken, Agenturen, Labels und andere.

Wie hast du dich bekannt gemacht und wie lange hat das gedauert?
Ich bin jetzt seit fast acht Jahren selbständig. Ich habe ein ganz gutes Netzwerk, kenn relativ viele Leute. Und wenn du einen Job anständig machst, ist jemand zufrieden und empfiehlt dich vielleicht weiter.

Wie und wo hast du Fotografie gelernt?
Ich hab nichts gelernt. Ich habe nicht mal ein Buch über Fotografie gelesen. Irgendwann habe ich mal eine Kamera in die Hand genommen, eine 350D, dann gewechselt vom Automatik- in den manuellen Modus. Schließlich hat ein Kumpel gesagt, mach mal Portraits von mir. Und der Rest ergab sich so.

Was wärst du geworden wenn nicht Fotograf?
Keine Ahnung.

Hast du studiert, Abi gemacht?
Ich hab Abitur, aber keine Ausbildung, kein Studium. Nach der Schule habe ich erstmal ein paar Jahre in die Tonne getreten, nicht wirklich was aus meinem Leben gemacht. Dann war ich Grafikdesign-Praktikant in einer Werbeagentur. Das Praktikum wurde immer länger und länger und ging in Sachen Aufwand und Verantwortung über Praktikantenarbeit hinaus, aber von der Bezahlung her leider nicht.

Und dann bist du auf Fotografie umgestiegen?
Genau, zu der Zeit kamen die ersten Leute, die sagten, mach mal Fotos von mir. Ich habe auch kurz über eine Ausbildung nachgedacht, aber als ich gesehen habe, was man da machen muss und wie wenig Geld man dafür bekommt, war für mich innerhalb von einer Woche klar, ich mache mich selbstständig. Das war so im Alter von 20 oder 21. Und ich dachte mir: Wenn es nicht klappt, bin ich immer noch jung und mache halt was anderes. Ich hätte auch kein Problem damit, jetzt mit der Fotografie vor die Wand zu fahren und noch irgendwas völlig anderes zu lernen.

Filmst du auch? Das würde sich bei deiner 5D und der Leidenschaft für Dokumentation ja anbieten.
Ne, das reizt mich nicht so. Ich glaube, ich würde mich dann immer ärgern, dass ich in dem Moment keine Fotos mache.

Dein Lieblingsfotograf ist James Nachtwey. Würde es dich reizen, Kriegs- oder Krisenfotografie zu machen?
Das ist schon die Königsklasse. Aber solange du noch lebende Eltern hast, die Bammel um dich haben, ist das für mich ein grosses Hindernis in Kopf und Herz. Meiner Mutter zu sagen, ich gehe jetzt nach Syrien, kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Auch wenn ich das super interessant fände. Vielleicht passiert es ja noch.

Zurück zum Wettbewerb: Wie schätzt du deine Chancen im Finale ein?
Ich weiß, dass ich den Uservote radikal verlieren werde, weil Laura ungefähr 15.000 Facebook-Follower hat und ihre Klientel sicherlich sehr internetaffin ist. Ich bin aber auch sonst zu 99 Prozent sicher, dass ich das Finale gegen sie verlieren werde. Aber da hätte ich auch kein Problem mit. Sie ist halt eine Hausnummer grösser und fotografiert so grossartig. Diese Märchen-Thema hat sie super umgesetzt. Wenn sie mir ein Thema vor die Nase knallt, wird das wahrscheinlich, als würde ich versuchen, schwimmend ein Containerschiff wegzuschleppen.

Sag mal was zu ihrem Stil. Wie gefällt dir das, was sie macht?
Ich find´s super. Das ist clean, schön, ästhetisch, da ist eine Linie drin. Man erkennt die Sachen. Schöne satte Farben. Alles auf einem qualitativ hohen Level. Es ist halt etwas ganz anderes, als das, was ich mache. Aber ich finde es auch schön, wenn die Jury die Arschkarte hat, Äpfel mit Birnen vergleichen zu müssen. (lacht)

Bilder im Interview, von oben nach unten: Menschen in Köln, 2010 | Obdachloser an der 5th Avenue in New York | Lee Fields, Musiker, 2012 | Günter Wallraff, Journalist und Autor, 2011| Olli Banjo, Rapper, 2012

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Hier gibt es Infos zu den Preisen des Photo Battles – und das sind die großzügigen Preissponsoren:

27.7.2013 · Photo Battle · ·

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