Freelens Magazin 31: Blick in eine zweifelhafte Zukunft

Freelens Magazin No. 31

© Marko Radloff | Freelens Magazin No. 31

Ein Blick zehn Jahre in die Zukunft – braucht ein Fotomagazin das? Als ich das Editorial des aktuellen Freelens Magazins gelesen habe, war ich mir noch nicht so sicher.

Unter der Überschrift “Aus der Contentfabrik” geht es da um “Automatic Generated Contend”, Verlagskameras als Grossflächen-Scanner und um Fotos, die Platz für Reklame bieten müssen. 2021 als das Jahr des endgültigen Sieges der Werbung über die Inhalte. Durchaus nicht unrealistisch, aber sehr technisch und noch wenig mitreissend. Doch davon sollte man sich als Leser nicht abschrecken lassen.

Denn menschlicher und spannender wird es bei der Vorstellung von acht Fotografen, die sich individuelle Geschäftsfelder geschaffen haben. Da gibt es zum Beispiel den Fotoforensiker, der Bildmanipulationen enttarnt, oder den Echtzeitfotografen, der die Kamera nur noch an spannende Orte bringt, während ein Operator in der Zentrale den Auslöser drückt.

“Nur wer ständig online ist, hat Hoffnung”

Das Highlight des Heftes ist in meinen Augen die Titelgeschichte „Gibt es ein Leben ohne Netz?“, auch wenn sie nur ganz am Rande mit Fotografie zu tun hat. “Nur wer ständig online ist, hat Hoffnung auf ein erfolgreiches Leben”, schreibt Autor Michalis Pantelouris zu Anfang der Geschichte. “Der Rest schaut in die Röhre.”

Pantelouris zeichnet eine Welt, in der dein Netzwerk im Internet dein ganzes Leben bestimmt. In der es darum geht, sich mit seinen Daten als Marke und Star zu präsentieren, um wahrgenommen. In der in der Roland-Berger-Gesamtschule das Motto gilt: “Akademisches Wissen ist zweitrangig geworden. Was heute zählt, ist die grösstmögliche Aufmerksamkeit.” Wer die nicht bekommt, trifft an einer alten Tankstelle Sozialarbeiter Jörg Stieber, der verzweifelt versucht, den Wert dieser Ausgestossenen im Netz zu steigern.

“‘Als ich von der Uni kam’, sagt Stieber und lacht dabei bitter, ‘ging es beim Stichwort Medienkompetenz vor allem darum, Jugendlichen beizubringen, nicht zu viel von sich im Netz zu veröffentlichen. Das ist erst zehn Jahre her. Aber versuchen sie heute als 18-Jähriger mal, ein Mädchen kennenzulernen, wenn ihr Gesichtsscan keine Resultate ausspuckt. Die macht ein Foto von ihnen mit dem Handy, guckt eine Sekunde drauf, steht auf – und geht.'”

Dieses Szenario wirkt auf einmal erschreckend nahe, wenn man bedenkt, dass Facebook gerade in der realen Welt die Gesichtserkennung freigeschaltet hat. So schafft es Pantelouris mit einer starken und lebendigen Sprache, dass sich der Leser nach der Lektüre durchaus ein wenig unwohl fühlt. Ein grossartiger Text, eine erschreckende Zukunftsvision. Alleine hierfür lohnt es sich, die fünf Euro für das Heft auszugeben.

Videos im Print-Magazin

Ausserdem bietet das Freelens Magazin Nummer 31 auch noch eine technische Finesse: An fünf Stellen des Heftes sind Videosymbole zu sehen. Wer diese auf der Seite screen.freelens.com vor seine Webcam hält, bekommt das passende Video zu abgespielt – und dabei sieht es so aus, als würde es im Magazin laufen. Wer weitergucken möchte, ohne die ganze Zeit das Heft hochzuhalten, drückt die Leertaste und kann sich so das ergänzende Material zu den Artikeln in Ruhe anschauen.

Die Zukunftsausgabe des Freelens Magazins will keine möglichst genaue Vorhersage sein, sie ist vielmehr ein kreatives Gedankenschweifen ins Jahr 2021, aber immer mit den Wurzeln im Hier und Jetzt. Sie dreht sich um Fotografie, aber nicht nur, sie hat immer auch mit der Technik zu tun, stellt sie aber nicht alleine in den Mittelpunkt.

Ein Blick zehn Jahre in die Zukunft – brauchen wir das? „Jedenfalls scheint mir die anstehende Welle der Evolution ohne Beispiel zu sein“, sagte der Historiker Ian Morris in der vergangenen Ausgabe des Spiegel. „Die nächsten 40 Jahre werden die bedeutsamsten der Weltgeschichte sein. Das Tempo der gesellschaftlichen Entwicklung könnte nicht nur den Einfluss der Geografie, sondern auch die biologischen und sozialen Bedingungen des Menschen verändern.“

Auch das aktuelle Freelens Magazin braucht es deshalb. Auch wenn es an einer Stelle schon überholt ist: Die Autoren sagen für 2021 den ersten World Press Photo Award für ein Wärmebild einer ferngesteuerten Flugkamera voraus – für eine Aufnahme von der Festnahme Osama Bin Ladens.

29.6.2011 · Bilder · · ·

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