Fotomagazin Zimmer/117: Pergamentkonfetti für eine müde Ballerina
Tätowierungen wie Klokritzeleien und eine feenhafte Nackte: Die neue Ausgabe des Fotomagazins “Zimmer/117″ wagt sich in die Randbezirke der Gesellschaft und spinkst auch mal in einer hippen Großstadtwohnung nach einer Badenixe.
Diese Galerie hat 89 Wände: In der zweiten Ausgabe von Zimmer/117 räkelt sich eine Wannen-Nixe, ein Bürschchen blickt misstrauisch in eine Linse und eine Ballerina verschränkt mürrisch die Arme über ihrem Tütü. Das Fotomagazin der Galerie Zimmer/117 gibt sich puristisch wie ein Ausstellungsraum und hat damit eine gute Entscheidung getroffen. Hier gibt es keine erklärenden Texte, die braucht man auch nicht, denn in dieser Zeitschrift geht es allein um das Sehen. Kleine Gedichte und Gedankensplitter gibt es als Häppchen, die das kreative Sehen anregen.

© Zimmer/117
Sieben Fotografen stellen ihre Bilder aus: Christian Conrad, Marina Jerkovic, Yannic Schon, Susann Probst, Lars Kiss, Kim Thue und Joachim Riederer.
Fotograf Christian Conrad macht die Unschärfe zum Helden seiner Aufnahmen. In der klassischen Fotografie als Stilmittel für den Hintergrund gewählt, tritt sie hier als geisterhafter Hauptdarsteller vor einem klaren und tiefschwarzen Grund. Er lässt Schneeflocken wie Konfetti aus Pergamentpapier vor seiner Kamera rieseln und es gelingt ihm das zauberhafte Porträt einer nachdenklichen Frau, deren blondes Haar das Licht in sanften Wellen auffängt.
Blättert man weiter, begegnen einem Menschen aus Srebrenica, die Marina Jerkovic in einfühlsamen Bildern zeigt. Das sind keine Nachrichten transportierende Schnappschüsse, sondern psychologische Studien. Bauernporträts in der Tradition eines August Sanders dreht Jerkovic einen Tick weiter, weil diese Menschen aus ihrer Landschaft wie Statisten vor einer Kulisse hervorstechen. Blickt man in die nachdenklichen Gesichter scheint es, als trete alles hinter ihrem nach innen gerichteten Blick zurück. Die Srebrenica-Aufnahmen sind erschütternd, sie zeigen das Leid mal sehr konkret, wenn ein Mann über einem Sarg einknickt wie ein lädierter Halm, mal subtiler, wenn sie nur nachdenkliche Augen sprechen lassen.
Augenringe und leere Gesichter
Der Bruch, der entsteht, wenn man zu den Fotografien von Yannic Schon weiterblättert, ist leider nicht gelungen. Seine Spurensuche wirkt nach den Srebrenica-Bildern etwas schal. Das ist schade, denn der Fotograf zeigt schöne Kompositionen, in denen sich Badewannen-, Duschvorhangs- und Boden-Bänder ineinander schieben und eine Nackte in ein feenhaftes Moosgrün kleiden.
Sehr gelungen sind die Aufnahmen von Lars Kiss aus einer Jugendhilfeeinrichtung: Mit harten Kontrasten, kreischenden Farben vor Raufasertapete, fängt er gnadenlos die kühle Atmosphäre der Räume ein und stellt sie den sperrigen Gesichtern der Jugendlichen gegenüber. Susann Probst beweist Gespür für kluge Bildkompositionen, Menschen lassen sich bei ihr nur als Fragmente blicken: eingekästelt in die Reflektion eines Spiegels, als Hand eines Hinausgehenden oder schlafend in eine Ecke verkrochen. Das gibt den Bildern eine schöne Spannung und bricht die Schubladen der Porträt- und Interieur-Fotografie auf.
Kim Thue geht mit seiner Kamera in die Randbezirke der Gesellschaft. Dort hat er kraftvolle Fotografien von Menschen gemacht, die Tätowierungen wie Klokritzeleien tragen, wuchernde Narben oder einen weißen Schleier über der Iris. Ein großer, aber diesmal sehr stimmiger Kontrast dazu sind die Ballerina-Bilder von Joachim Riederer, die den Rundgang durch das Galerieheft abschließen. Riederer hat eine spannende Beobachtung gemacht: Über eleganten Gesten und zarten Tütüs graben sich Augenringe in die Gesichter und eine Leere in den Blick. Den Augen des Betrachters dieses angenehm unaufgeregten Magazins wird das sicher nicht passieren.
Zimmer/117 No. 2, 90 Seiten, 21×28 cm, 9,80 Euro

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