Terry Richardson: Du willst es doch auch

© Terry Richardson

Sperma, Geschlechtsteile, haarige Ärsche und Achseln, nicht nur von Männern: In “Terryworld” verwischt der US-Fotograf Terry Richardson die Grenze zwischen Kunst und Porno nicht – er zerbombt sie. 288 Seiten Models, Mode und Masturbationen gibt es nun wieder in einer günstigen Auflage.

Ein Drogenkonsument kotzt in eine Badewanne, ein Model führt sich eine Banane ein. Penisse werden geleckt. Bei all dem ist Terry Richardson, der sich bei seinen Fotosessions regelmäßig auszieht und die Kamera oft den Models selber oder Assistenten überlässt, mittendrin. Nicht immer kommt es dabei zum Sex. Nicht immer sind die Models von soviel Offenheit begeistert. Es kursieren Vorwürfe, Richardson habe seinen Promi-Status ausgenutzt und sie bedrängt.

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Richardson wehrt sich dagegen und verteidigt seine bildgewordenen, pubertären Jungsträume. Scheinbar unschuldig und neugierig geht er ans Werk, dann fallen die Hüllen. Mit diesen rohen Bildern, fast durchweg sexuell aufgeladen bis knapp vor die Ejakulation, ist er zum Star geworden. Trotz der Inszeniernung wirken die Aufnahmen ungekünstelt, weil Richardson auf allzu aufwendige Technik und Ausleuchtung verzichtet und einfache Kameras verwendet. Längst wird er gebucht von edlen Magazinen, fotografiert für große Modelabels Anzeigekampagnen. Gerne schmücken sich Designerlabel und etablierte Künstler mit dem verruchten Knipser. In “Terryworld” stehen Gonzo-Bilder neben einem Schwarzweiß-Porträt von Hollywoodstar Dennis Hopper.

Dass die Arbeiten von Richardson zumindest eine Zeit lang geradezu hellseherisch und ein paar Jahre voraus waren, zeigt ein Blick ins Internet. Was Online-Exhibitionisten dort auf MySpace, Blogs und YouPorn inszenieren, hat Richardson mit seiner Mischung aus Straßenfotografie, Amateursex und Selbstbespiegelung schon Jahre vorher praktiziert und in Form von Büchern verkauft. Seitdem hat sich die Pornografie mehr und mehr den Weg in den Unterhaltungs-Mainstream gebahnt – Terry Richardson vorne weg.

Wie geht es nun weiter, nachdem Digitalkameras so allgegenwärtig geworden sind wie explizite Aufnahmen im Internet? Terry Richardson zeigt auf seiner Website ein Bild mit sich und US-Präsident Barack Obama. Dieses Jahr hat er den Pyrelli-Kalender fotografiert. Und bloggen tut er natürlich auch.

Ob man seine Bilder nun abstoßend und widerwärtig findet oder ihn sogar für einen Künstler hält – Terry Richardson ist stilprägend. Es schadet deshalb nicht, sich mit ihm auseinanderzusetzen und eine eigene Haltung zu entwickeln. Noch dazu bei diesem Angebot: Taschen hat 2008 eine Jubiläums-Ausgabe mit 70 neuen Bildern herausgebracht, die zwischenzeitlich vergriffen war. Jetzt ist sie wieder erhältlich. 288 Seiten für knapp 15 Euro:

Terry ist echt billig.

© Terry Richardson

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16.6.2010 · Texte · · · ·

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