Richard Renaldi: "Die Idee, dass sich die Menschen berühren"

© Richard Renaldi, Figure an Ground

Er ist einer der wichtigen aufstrebenden Fotografen in den USA: Richard Renaldi spricht im Interview mit Flare über seine Faszination für Ganzkörperportraits, seine aktuelle Ausstellung in Hamburg und die Herausforderung, Fremde miteinander zu fotografieren.

Sie haben sich auf Ganzkörperportraits spezialisiert – was fasziniert Sie daran?

Renaldi: Ich wollte versuchen, die Menschen so zu fotografieren, wie sie uns bei der ersten Begegnung erscheinen. So kam ich darauf, sie als ganze Personen zu zeigen, von Kopf bis Fuß. Wenn wir Menschen zum ersten Mal treffen, betrachten wir oft das Gesamtpaket: ihr Größe, ihr Gewicht, ihre Kleidung, ihre Füße, ihre Haare und vieles mehr. Den ganzen Menschen zu fotografieren, schien mir daher angemessen.

Wie machen sie ihre Bilder – verabreden Sie sich mit ihren Modellen oder sprechen Sie sie einfach auf der Straße an?

Renaldi: Die meisten fotografiere ich direkt an Ort und Stelle.

© Richard Renaldi, Figure an Ground

Wie bekommen Sie eine Muslima in einer Burka dazu, für Sie in einem Straßenzug in New Jersey neben einem Hydranten zu posieren?

Renaldi: Ich habe sie einfach höflich gefragt. Die Frau war sehr nett. Sie war nicht nur Muslima, sondern eine afro-amerikanische Muslima. Daher denke ich, dass sie einen anderen kulturellen Hintergrund hatte. Übrigens trug sie keine Burka, sondern einen Tschador.

Bei Ihrem Projekt Touching Strangers fotografieren Sie Fremde miteinander. Ist das eine besondere Herausforderung?

Renaldi: Ja, sehr. Man muss sehr beharrlich und geduldig sein, um diese Aufnahmen möglich zu machen. Ich habe das Projekt gestartet, weil mich Gruppenportraits interessieren und ich sie als Herausforderung empfinde. Ich habe überlegt, wie ich die Situation, Fremde zu fotografieren, noch weitertreiben könnte. So entstand die Idee, dass sich die Menschen berühren sollen.

© Richard Renaldi, Toching Strangers

Was ist die Idee, was der Reiz dieses Projekts?

Renaldi: Zuerst einmal möchte ich, dass der Betrachter für sich interpretiert, was er in den Bildern sieht und wie er die Situation wahrnimmt. Davon abgesehen versuche ich Kunst zu schaffen, die die Menschen zusammenbringt, die uns über unser Verhältnis zu Fremden nachdenken lässt und über die immer größere Trennung der Menschen von einander durch Technologie und Mobilität.

In Figure and Ground scheinen alle Bilder in einem nahezu perfekten Licht entstanden zu sein. Wie gelingt Ihnen das?

Renaldi: Ich nutze alles zur Verfügung stehende Licht und fotografiere hauptsächlich in offenem Schatten.

© Richard Renaldi, Fall River Boys

Für Ihr Buch Fall River Boys haben Sie die Jugendlichen der Kleinstadt Fall River in Massachusetts in Schwarz-Weiß portraitiert. Erklären sie uns mal das Projekt und warum sie es gemacht haben.

Renaldi: Fall River fühlt sich kalt und grau an. Ich wollte etwas in Schwarz-Weiß fotografieren und diese Stadt schien mir perfekt für das Projekt zu sein. Schwarz-Weiß scheint subtil immer auch auf längst vergangene Tage anzuspielen und in vielerlei Hinsicht hatte Fall River seine besten Tage vor mehr als einem Jahrhundert (es war die größte Baumwollfräserei-Stadt in den USA im späten 19. Jahrhundert).

Noch bis zum 3. Juli sind Ihre Bilder aus Figure an Ground und Fall River Boys in der Robert Morat Galerie in Hamburg zu sehen. Warum sollten sich die Leute die Ausstellung anschauen?

Renaldi: Um die Arbeiten als Abzüge an einer Galeriewand zu sehen. Dieser Blickwinkel ist einzigartig und eine völlig andere Erfahrung, als die Bilder in einem Buch oder online anzuschauen. Außerdem kann man die wundervollen C-Prints dort persönlich und aus der Nähe betrachten.

14.5.2010 · Bilder · · · · · ·

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