Camping in Kabul, Teil V: Milchkuh, Golfball und Kalaschnikow

© Michael Obert

Zu Gast in Absurdistan: Reisejournalist Michael Obert lernt im fünften und letzten Teil von „Camping in Kabul“ drei Dinge. 1. Hilfsorganisationen sind wie Kühe, die ihre eigene Milch trinken. 2. Afghanen sind die besten Golfer der Welt. 3. Mit einem deutschen Pass bekommt man selbst von einem Mann mit Kalaschnikow Pepsi serviert.

Etablissements wie das Latmo gehören zu den gehobenen Bühnen des Absurden. Mit Schauspielern, die zugleich ihr eigenes Publikum spielen: Mitarbeiter der zahllosen in Kabul registrierten Hilfsorganisationen, Berater mit Tageshonoraren von tausend Dollar, Leibwächter und sonstige Sicherheits-Ninjas mit Waschbrettbauch. Über 10.000 ausländische Zivilisten sollen sich derzeit in Kabul aufhalten. Fast so viele Leute, wie die US-Armee in ganz Afghanistan stationiert hat. Und mehr als das Doppelte der 4800 Isaf-Truppen, die in der Hauptstadt für Sicherheit und Ordnung sorgen sollen.

Am Pool komme ich mit Rahraw ins Gespräch. Er ist Halbafghane mit italienischem Pass, arbeitet beim Radio und sagt, es sei eine traurige Tatsache, dass die meisten Ausländer, die in Kabul lebten und arbeiteten, der Stadt nicht näher kämen, als gepanzerte Limousinen, Sicherheitsdienste und Stacheldraht dies zuließen. „Aber wie willst du jemandem helfen, dem du nie begegnest?“, fragt Rahraw und zieht eine Grimasse. „Wie willst du etwas für jemanden tun, den du nicht kennst, von dem du nicht weißt, wie er lebt, was er denkt, wie er fühlt, dessen Ängste und Freuden dir fremd sind?“ Seit dem Sturz der Taliban sind die Erwartungen der Afghanen an die internationale Gemeinschaft hoch, viele vermissen sichtbare Resultate und bezeichnen die Hilfsorganisationen als „Kühe, die ihre eigene Milch trinken“.

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Auch der Lifestyle vieler Ausländer in Kabul erregt den Volkszorn: frei verfügbarer Alkohol, als Chinarestaurants getarnte Bordelle, Partys. Am Abend lädt mich Rahraw auf eine solche Feier ein. Die Musik ist laut – House, Techno –, die Bar gut sortiert: südafrikanischer Shiraz, französischer Bordeaux, Dosenbier, gekühlt in einem Fass mit Eiswasser. Und Johnny Walker, Red Label. Es sind die Flaschen, welche die Händler auf dem Basar irgendwann mit Speiseöl füllen werden.

40, 50 Leute tanzen auf der hell erleuchteten Terrasse, während in den umliegenden Häusern streng gläubige Muslime zu schlafen versuchen. Ihr Viertel ist stockfinster. Nur die Spitze eines Minaretts schwebt im Nachthimmel wie ein strahlendes Auge, mahnend, irgendwie bedrohlich. „Nicht sicher hier“, sagt Rahraw und zeigt auf die Mauer um den Garten, die keine drei Meter hoch ist. „Für eine Rakete kein Problem.“ Er hat Recht. Der Dancefloor ist ein leichtes Ziel für einen Attentäter, wahrscheinlich der gefährlichste Ort in ganz Afghanistan.

Aber daran denkt jetzt niemand. Wir sind die internationale Gemeinschaft, die Welt zu Gast in Absurdistan. Wir arbeiten für die Vereinten Nationen, für Regierungen, Redaktionen, Hilfsorganisationen. Wir kommen aus Europa und Amerika, auch aus Äthiopien, Kolumbien, Indien und der Türkei. Wir trinken. Wir tanzen. Wir lachen. Sollen wir lieber traurig sein?

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„Wir freuen uns über alle, die kommen, um uns zu helfen“, wird mir ein afghanischer Kunstprofessor ein paar Tage später antworten. „Aber jeder soll sich so verhalten, wie es in unserem Land üblich ist.“ Integration. In Europa wird darauf großen Wert gelegt. Als das Bier leer ist, gehe ich. Die ganze Nacht röchle ich trocken. Kabul-Husten. Ich muss raus. Raus aus der Stadt. Atmen, ein wenig Grün sehen, Bäume, Wasser.

Am Morgen nehme ich ein Taxi an einen Ort, den man jenseits der verwüsteten Ränder dieser Stadt am allerwenigsten erwartet: den Kabul Golf Club. „Wir haben Golfer aus allen, allen Ländern“, erklärt Afzal Abdul, mein Golflehrer, im traditionellen afghanischen Anzug. „Nur nicht aus China, Russland, Pakistan, keine Franzosen, Griechen, Koreaner, auch keine …“ Wer sind die besten? „Wir Afghanen“, sagt Abdul, sehr ernst.

Der Golfplatz gehört einem ehemaligen Warlord und ist der einzige in Afghanistan. Landminen wurden geräumt, drei sowjetische Panzer und ein Raketenwerfer weggeschafft. Woran es jetzt noch fehlt, ist Gras. Die neun Spielbahnen sind kaum von den sonnenverbrannten, staubigen Hügeln zu unterscheiden, die Greens nicht grün, sondern schwarz, gestaltet mit einer Mischung aus Sand und Motorenöl. Ein Highlight ist die ausgebombte Armeestellung nach dem ersten Loch. Zwei Runden kosten zehn, die Jahresmitgliedschaft sechzig Dollar. Ich lasse es – sehr zur Belustigung meines Golflehrers – bei ein paar stümperhaften Abschlägen bewenden; dann wandere ich hinauf zum Qargha-See.

© Michael Obert

Am Ufer dieses riesigen Stausees erwartet mich eine überraschende Idylle. Afghanische Familien haben es sich auf Plattformen bequem gemacht. Auf Teppichen und umhüllt von im Wind wehenden rosaroten Gardinen rauchen sie Wasserpfeife. Pakistanische Musik säuselt aus den Lautsprechern. Am Ufer liegen bunte Tretboote. Ich kann längst nicht alle Einladungen zum Tee annehmen, und so gehe ich ein Stück am Ufer entlang, um mich auf eine einsame Bank zu setzen.

Ich genieße die klare Seeluft. Atmen. Ohne dieses Kratzen in Hals und Lungen. Draußen zieht ein Motorboot einen Schaumschleier über die silbergraue Scheibe des Sees, dahinter erheben sich schroff die Rücken des Hindukusch, ihre Silhouetten lösen sich in rötlichem Dunst auf. Augenblicke des Friedens, der Schönheit. Zum ersten Mal auf dieser Reise habe ich das Gefühl, angekommen zu sein, bleiben zu wollen. Ah, Afghanistan!

Die Männer bemerke ich erst, als sie sich um mich auf die Bank drängen, sechs langbärtige Paschtunen mit Kalaschnikows. Sie tragen lange Gewänder und starren mich finster an. Sind sie Banditen? Kämpfer irgendeines Warlords? Taliban? „Passport! Passport!“, kläfft ihr Wortführer, ein Hüne mit einer Narbe quer über dem rechten Auge. Ich gebe ihm, was er fordert, und die Paschtunen stecken die Köpfe zusammen, um meinen Reisepass zu studieren. Selten habe ich in einem solchen Maße beides zugleich empfunden: mein Dasein in dieser Welt und meine eigene Auflösung. Fast 200 Länder stellen Pässe aus, jetzt scheint mein Leben davon abzuhängen, ob ich den richtigen habe.

Auf einmal schlägt der Paschtune den Pass zu, ruft einen Mann, der mit seinem Bauchladen am Ufer entlanggeht – und bestellt Pepsi. Für jeden eine Dose. Auch für mich. Er gibt mir meinen Pass zurück und sagt: „Germany good!“ Alle reißen ihre Pepsi auf, lachen und wiederholen in rauem Kanon: „Germany good! Germany very, very good!“ Sie begleiten mich noch zur Straße und bestehen darauf, mir ein Taxi zu rufen. Weil es hier Banditen gäbe. Endlich kommt ein Wagen. Die Paschtunen streicheln ihre Kalaschnikows und schütteln mir die Hand; dann steige ich ein, und das Taxi fährt los, zurück nach Kabul.


Camping in Kabul, Teil IV: Osama bin Laden vom Vogelbazar

Camping in Kabul, Teil III: „Passen Sie bloß uff sich uff, Mensch!“

Camping in Kabul, Teil II: „Jeder Hippie liebte meinen Super Payan Camping“

Camping in Kabul, Teil I: Afghanistan – druckfrisch von Lonely Planet

Michael Obert, 1966 in Breisach am Rhein geboren, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete im mittleren Management, bis er zu einer zweijährigen Reise durch Lateinamerika aufbrach. Anschließend begann er ein neues Leben als Buchautor und Journalist. Seine Reportagen und Fotografien erscheinen unter anderem in Geo, Stern, Die Zeit, Standard (Wien), Courrier International (Paris), The Journal (New York) und Himal Southasian (Katmandu). Zwischen seinen Reisen lebt Obert in Berlin. „Camping in Kabul“ ist auch in seinem Buch „Die Ränder der Welt“ erschienen.

24.9.2009 · Texte · · ·

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