Camping in Kabul, Teil IV: Osama bin Laden vom Vogelbazar

© Michael Obert

Auf dem Vogelbazar von Kabul passiert Reisejournalist Michael Obert das Unfassbare – er trifft Osama bin Laden. Dabei lernt er, dass in Afghanistan das Wort für alles Schreckliche mittlerweile „Guantanamo“ heißt. Und schließlich muss Obert sich die Frage stellen, warum er beim Packen nicht an seine Badehose gedacht hat.

Vielleicht ist es die Stille, die mich am Morgen aufweckt. Freitag, islamischer Sonntag. Der Verkehr, der sonst vor meinem Fenster im Mustafa rumort, erzeugt heute nur ein leises Surren. Am blauen Morgenhimmel ziehen Tauben friedlich über die Stadt. Doch dann passiert etwas Eigenartiges: Wie auf ein geheimes Signal schlägt der Schwarm aus vierzig, vielleicht fünfzig Vögeln einen jähen Haken nach Süden. Einen Sekundenbruchteil später lässt ein Donner die Glaskristalle meiner Zimmerlampe klimpern.

Als ich in den Frühstücksraum komme, drängen sich Hotelgäste vor dem Fernseher. Breaking news: CNN zeigt herumliegende Trümmer, Rauchwolken steigen auf. Ein Selbstmordattentäter ist in einen Konvoi gerast. In Kabul, Afghanistan. Die Tauben, der Donner – und doch scheint es, als käme die Nachricht aus irgendeiner fernen Region. Erst dann überläuft mich eine Gänsehaut.

Noch am selben Tag treffe ich Osama bin Laden. Auf dem Vogelbazar von Kabul. In einer engen, ausgewaschenen Gasse hinter der Pul-e Kishti-Moschee drängen sich die Verschläge der Händler: Hunderte von Käfigen, Gezwitscher in allen Tonlagen, der scharfe Geruch von Kot. Am Boden ist Körnerfutter verstreut. Drosseln, Kanarienvögel und Papageien, wegen ihres Gesanges beliebt, plustern sich auf, Rebhühner und Tauben schütteln sich, ein ofenheißer Lufthauch trägt Flaum, Fliegen und Staub durch die Gitterstäbe in die Gasse.

Ein Vogelhändler bietet mir einen Wellensittich an, importiert aus Deutschland, tausend Afghani, umgerechnet zwanzig Dollar. Als er merkt, dass ich nicht interessiert bin, lädt er mich zum Tee in sein Gewölbe ein. “Gestatten, Osama bin Laden”, stellt er sich vor und zeigt auf einen zweiten Mann, der zwischen jedem Finger einen Finken hält: “Und der da ist Mullah Omar, Chef der Taliban.” Sie biegen sich vor Lachen. Der meist gesuchteste Mann der Welt, der in Kabul nur “OBL” genannt wird, gießt mir Tee ein und schreit zu den Vogelhändlern in die Gasse hinaus: “Und die dort – al-Qaida! Gehören alle zur al-Qaida!”

Großes Gelächter, die Vögel stimmen ein. Ist das Galgenhumor? Sarkasmus? Spott? Schwer zu sagen. Denn in Kabul sind Witze über die Protagonisten der afghanischen Krise weit verbreitet. Zum Abschied verraten mir die Vogelhändler, dass es im Dari und im Paschtu, den beiden wichtigsten Sprachen Afghanistans, neuerdings auch ein spanisches Wort gäbe: Alles, was man als furchtbar oder unerträglich empfinde, werde Guantánamo genannt.

© Michael Obert

Unter einer riesigen Zigarettenschachtel mit dem Slogan „Enjoy the taste of America!“ halte ich ein Taxi an und fahre aus dem pulsierenden Zentrum hinaus nach Westkabul, in eine völlig andere Welt. Sie ist still, totenstill. Ganze Stadtviertel, im Bürgerkrieg von sich bekämpfenden Mudschaheddin zerstört, liegen seit einem Jahrzehnt in Trümmern. Häuser, die schon fast wieder zu Fels und Wüste geworden sind, lassen an eine gewaltige Ausgrabungsstätte denken.

Auf einem Hügel über dem Ruinenfeld erhebt sich der Darulaman-Palast, ein neoklassischer Prunkbau aus den Zwanzigerjahren – zerschossen, bombardiert, in Brand gesetzt. In Lumpen gekleidete Afghanen stöbern trotz Minengefahr nach Verwertbarem, in einem Ruß geschwärzten Gewölbe drücken sich abgemagerte Jugendliche mit rostigen Nadeln Heroin in den Arm, eine junge Frau fristet ihre Tage im Fieberwahn einer schaurigen Hautkrankheit, die ihr Gesicht zerfrisst.

Keine zehn Minuten später muss ich mir die Frage stellen, warum ich beim Packen für Kabul nicht an eine Badehose gedacht habe. In der vierten Straße des Stadtteils Qala-e Fatullah finde ich mich im L´Amosphére wieder, in einer weiteren Parallelwelt Kabuls. Das Latmo sei, so steht es im brandneuen Lonely Planet, der beliebteste internationale Treffpunkt der Stadt, ein Ort für die Jungen und Schönen, den man als Besucher erlebt haben muss.

Tatsächlich entspannen am Swimmingpool in einem lauschigen Garten ausländische Badegäste, ihre schusssicheren Westen abgelegt neben tropischen Cocktails, Sonnencremes und der neuesten Vogue. Zwei Amerikanerinnen gleiten durch türkisgrünes Wasser. Franzosen schlürfen Pastis. Journalisten sitzen im Schatten von Granatapfelbäumen und tippen Geschichten über den Anschlag von heute Morgen in ihre Labtops, in Badehose, hier und da an einem Gin Tonic nippend … schwere Explosion … nipp … ein Toter, zahlreiche Verletzte … nipp … Terror, al-Qaida, Taliban.

Von Westen fliegt ein Armeehubschrauber an und kreist über dem Pool, dem einzigen Ort in Afghanistan mit einer Menge halbnackter Frauen. Am liebsten steuern die Piloten das Latmo am Freitag, dem muslimischen Sonntag, an, wenn die meisten Badenixen zu sehen sind. Afghanen? Müssen draußen bleiben. Wegen des gesetzlichen Alkoholverbots für Einheimische, wie es heißt.


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Michael Obert, 1966 in Breisach am Rhein geboren, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete im mittleren Management, bis er zu einer zweijährigen Reise durch Lateinamerika aufbrach. Anschließend begann er ein neues Leben als Buchautor und Journalist. Seine Reportagen und Fotografien erscheinen unter anderem in Geo, Stern, Die Zeit, Standard (Wien), Courrier International (Paris), The Journal (New York) und Himal Southasian (Katmandu). Zwischen seinen Reisen lebt Obert in Berlin. „Camping in Kabul“ ist auch in seinem Buch „Die Ränder der Welt“ erschienen.

2.8.2009 · Texte · · ·

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