Camping in Kabul, Teil III: „Passen Sie bloß uff sich uff, Mensch!“

© Michael Obert

Seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 ist wieder Camping in Kabul angesagt. Dieses Mal hinter Stahlbeton, Sandsäcken und Stacheldraht. Reisejournalist Michael Obert fragt sich, ob die Touristen hier todessehnsüchtige Adrenalin-Junkies sind – und trifft einen deutschen Soldaten, der es nur schwerlich verkraftet, einem unbewaffneten Landsmann zu begegnen.

Ende 1978 war der Hippie-Traum über Nacht vorbei. Im Schutz der Dunkelheit flogen Kampfjets über Kabul, keine hundert Meter von Karimis Campingplatz schlugen Bomben ein. Am nächsten Tag waren die Hippies weg. Die Kommunisten putschten sich an die Macht, und als sich islamische Kräfte gegen sie erhoben, marschierten die Sowjets ein. Es folgten drei Jahrzehnte Krieg und Bürgerkrieg, die das Land in Schutt und Asche legten. Und jetzt – Karimi nimmt sein Käppchen vom Kopf und stülpt es über das Knie -, jetzt endlich schließe sich der Kreis. Seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 sei wieder Camping in Kabul angesagt. Dieses Mal hinter Stahlbeton, Sandsäcken und Stacheldraht.

Weiße Toyota Landcruiser, sichtbarste Zeichen der Präsenz internationaler Hilfsorganisationen in den Krisengebieten dieser Welt, verstopfen die Straßen des Stadtzentrums zur Mittagszeit. Die Vereinten Nationen und ihr Gefolge von Wohltätern sind in Kabul eingefallen – und mit ihnen die Herolde der Globalisierung: Spekulanten und Touristen. Die Freaks sind zurück in der Chicken Street.

Tanya und Richard zum Beispiel. Sie, Ernährungsberaterin aus Südafrika, er, Politikwissenschaftler aus Australien. Ich treffe die beiden beim Mittagessen im „Herat“, einem afghanischen Restaurant. Richard trägt Vollbart, lokales Langhemd und Pumphosen, Tanya weite Klamotten und Kopftuch. Sie sind Anfang dreißig und auf ihrer einjährigen Asienreise von Pakistan aus im überfüllten Minibus über den Khyber Pass und durch die Stammesgebiete nach Kabul gekommen.

„Afghanistan fasziniert uns seit unserem Studium“, sagen sie strahlend. „Mit dem Trip nach Kabul haben wir uns einen lang ersehnten Traum erfüllt.“ Sind die beiden verrückt? Todessehnsüchtige Adrenalin-Junkies? Bei einer langen Unterhaltung wird mir klar, dass sie ein ernsthaftes Interesse an Afghanistan haben und mit eigenen Augen sehen wollen, wie es um das Land bestellt ist.

© Michael Obert

Später stößt Alan zu uns, Ire, Mitte 50. Er ist mit dem Rucksack in Zentralasien unterwegs und über Tadschikistan nach Kabul gereist. „Die Medien zeigen dir immer dieselben Bilder“, sagt Alan, während er mit der Gabel gegrillte Lammstücke vom Spieß auf seinen Teller zieht. „Attentate, Entführungen, Video-Botschaften. Und dann stehst du im Basar vor dem Gemüsehändler, du willst ein paar Tomaten, und der Mann lächelt dich an. Und plötzlich fallen alle Medienbilder weg, es bleibt nur die Begegnung zweier Menschen als Menschen.“ Allein dafür, sagt Alan, lohnten sich die Risiken einer Reise nach Afghanistan.

Risiken, die beträchtlich sind. Die Warnungen weltweiter Regierungsorgane klingen, als sei jeder Ausländer, der seinen Fuß auf afghanischen Boden setzt, so gut wie tot: „Gefährdung durch terroristisch oder kriminell motivierte Gewaltakte“ … „landesweite Attentate“ … „Überfälle in Kabul auch tagsüber“ … „Entführungen“ … „Überlandfahrten nur im bewachten Konvoi”. Als ich an diesem Nachmittag in einem Strom von Afghanen zu Fuß die Straße zum Basar hinuntertreibe, tauchen vor mir plötzlich Panzerwagen auf. Oben kauert ein Soldat hinter dem Maschinengewehr. Erst dann sehe ich die Flaggen an den Seiten und verstehe: das sind Deutsche, du musst dich zu erkennen geben, irgendetwas sagen. „Na, wie läuft’s?“, höre ich mich dem Soldaten zurufen. „Alles klar da oben?“

Der Mann lässt die Hände von der Waffe sinken, schiebt die Sonnenbrille auf die Stirn und ruft entsetzt: „Wat … wat machen Sie denn da unten, Mensch! Sie können doch hier nicht … nicht einfach so rumloofen!“ Der Tross setzt sich in Bewegung, und der Soldat schreit noch: „Passen Sie bloß uff sich uff, Mensch!“ Und ich ahne, dass der Soldat Afghanistan aus der Perspektive eines Gefangenen erlebt. Vielleicht kann er sich in seiner gepanzerten Welt gar nicht vorstellen, dass hier draußen auch ganz normale, friedliche Afghanen gibt.

© Michael Obert

Gleich darauf im Zarnegar Park: Auf einer Bank im Schatten einer Kiefer sitzt ein bärtiger Mann in einem einfachen, cremefarbenen Gewand mit seinen zwei kleinen Söhnen. Vor der Bank, im Staub, steht ein Bein aus Kunststoff. Der Fuß steckt in einer braunen Wollsocke und einer Ledersandale, der Rest ist von einem nackten, glänzenden Weiß. Ein Bein ohne Körper. Der Mann ertappt mich bei einem irritierten Blick, schenkt mir ein Lächeln und lädt mich mit einer Geste ein, Platz zu nehmen. Die Jungen rutschen zusammen. Ich setze mich. Niemand scheint so richtig zu wissen, wie es weitergehen soll. Wir schweigen. Schließlich sagt der Mann auf Englisch und ohne jede Einleitung: „Es geschah in meinem Haus.“

Während des Bürgerkriegs war Qasem, der Elektrohändler, wie viele Kabuler nach Peshawar im benachbarten Pakistan geflohen. Unter den strengen Taliban besserte sich die Sicherheitslage schnell. Er sei zurückgekehrt und habe Tränen vor Glück geweint, erzählt er, doch als er zu seinem Haus kam, habe dieses in Trümmern gelegen. Er ging hinein, um nachzusehen, ob noch etwas zu retten war – da explodierte die Mine und riss sein Bein weg.

Wieder schweigen wir. Afghanistan ist übersät mit Millionen von Landminen und Blindgängern. Niemand weiß genau, wo sie liegen. Sie kosten jedes Jahr Hunderten von Afghanen das Leben, darunter viele Kinder. Qasem lehnt sich auf der Bank zurück. Unter seinem Gewand rutscht der Beinstumpf hervor; er ist gut verheilt. Qasem nimmt sein Käppchen vom Kopf und hängt es an die Prothese wie an einen Hutständer, auf einmal sagt er: „Siehst du die Bäume? Den Himmel, die Vögel? Die Blüten der Rosen um den Brunnen?“ Und nach einer Weile: „Ich hätte tot sein können, stattdessen hat mir das Leben zwei Söhne geschenkt.“


Camping in Kabul, Teil II: „Jeder Hippie liebte meinen Super Payan Camping“

Camping in Kabul, Teil I: Afghanistan – druckfrisch von Lonely Planet

Michael Obert, 1966 in Breisach am Rhein geboren, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete im mittleren Management, bis er zu einer zweijährigen Reise durch Lateinamerika aufbrach. Anschließend begann er ein neues Leben als Buchautor und Journalist. Seine Reportagen und Fotografien erscheinen unter anderem in Geo, Stern, Die Zeit, Standard (Wien), Courrier International (Paris), The Journal (New York) und Himal Southasian (Katmandu). Zwischen seinen Reisen lebt Obert in Berlin. „Camping in Kabul“ ist auch in seinem Buch „Die Ränder der Welt“ erschienen.

21.7.2009 · Texte · · ·

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