Camping in Kabul, Teil II: „Jeder Hippie liebte meinen Super Payan Camping“

© Michael Obert

Paschtunen mit Nachthemd und Kalaschnikow, Touristen mit dem Lonely Planet Afghanistan – Michael Obert hat sich nach seiner Ankunft in Kabul an einiges gewöhnt. Jetzt trifft er einen Minister, der damit leben muss, dass zwei seiner drei Vorgänger umgebracht wurden. Und das in der Stadt, die einst Camping-Station für 90.000 Hippies war.

Auch einen neuen Tourismusminister gibt es in Afghanistan, ein gefährlicher Beruf am Hindukusch. Der erste Amtsinhaber nach dem Sturz der Taliban, Abdul Rahman, wurde kurz nach seinem Dienstantritt von einem Mob am Kabuler Flughafen gelyncht. Der zweite Tourismusminister von Afghanistan, Mirwais Sadeq, wurde auf einer Dienstfahrt in Herat im Auto erschossen. Nasrullah Stanekzai, der dritte Tourismusminister von Afghanistan, lebt zwar noch, wurde jedoch über Nacht abgesetzt, weil er nach Machtverschiebungen im Regierungsapparat plötzlich der falschen Partei angehörte.

Vielleicht liegt es am Schicksal seiner Vorgänger, dass Professor Ghulam Nabi Farahi, der Amtsinhaber, dem ich jetzt gegenübersitze, nicht sonderlich euphorisch wirkt, wenn er über die touristische Zukunft seines Landes spricht. „1000 im vergangenen Jahr“, sagt er, lässt die hellblauen Perlen einer Gebetskette durch die Finger gleiten und fixiert den Fernseher, wo ein afghanischer Elvis „It´s now or never singt“. „Dieses Jahr 1500, nächstes Jahr doppelt so viele.“ Professor Farahi trägt ein hellblaues Hemd mit weißem Kragen und weißen Manschetten, dazu eine silbern gestreifte Krawatte. Die Klimaanlage zeigt 18 Grad, ein Poster an der Wand die Ruinen von Delphi in Griechenland. Auf dem Tisch steht eine Schale mit Bonbons. Alles wirkt recht aufgeräumt.

© Michael Obert

Tourismusförderung sei ein wichtiges Ziel der Regierung, sagt der Tourismusminister. Präsident Karzai habe das mehrfach betont. Doch die Medien betrieben „schlechte Propaganda“, was die Sicherheitslage in Afghanistan betreffe. Dabei seien viele Städte durchaus sicher: Kabul, Herat, Bamiyan, Masar-e Scharif, sagt er, immer noch fernsehend. Welche Gegenden sollte ich als Tourist besser meiden? „Jeder kann reisen, wohin er will“, antwortet der Tourismusminister, gebannt von dem Clown, der mit einer unsichtbaren Pumpgun auf sein Publikum feuert. „Jeder ist für sich selbst verantwortlich.“ Damit ist das Interview beendet.

Beckett hätte die Chicken Street im Zentrum von Kabul geliebt. Camus auch. Das einzige, was man in der Chicken Street nicht kaufen kann, sind Hühner. (Die gibt es ein Stück weiter in der Flower Street.) Stattdessen reihen sich Souvenirläden aneinander. In den Schaufenstern: Glasbläsereien aus Herat, usbekische Stickereien und Jacken aus dem Fell der letzten Schneeleoparden, Lapislazuli-Schmuck, zentralasiatische Antiquitäten, Kelims und Teppiche. Einige zeigen das Gesicht von George W. Bush; er weint bitterlich. Auf anderen steht das World Trade Center in Flammen, während ein F16-Geschwader über die Umrisse von Afghanistan fliegt; darunter steht in krakeliger Schrift:

WAR ON TERIRISM 9/11
AFGHANSTAN AND AMRICA
TOGITHER VICTIRY!!!

In der Flower Street treffe ich Gul Agha Karimi, der mich in sein Haus einlädt, um mir von den 90.000 Hippies zu erzählen, die in den Sechzigern auf ihrem Weg nach Indien und Nepal jährlich durch Afghanistan zogen. Sie genossen unberührte Landschaften, ausgeprägte Gastfreundschaft und das beste Dope der Welt – die gelebte Vision des Summer of Love. Es gab nur eine Reiseroute. Und die führte über Kabul. Man traf sich in der Chicken Street in Sigis Restaurant und feierte im Green Hotel bis in den Morgen. Das Reisemotto der Hippies lautete Camping in Kabul.

© Michael Obert

„Jeder Hippie kannte mich, jeder Hippie liebte meinen Super Payan Camping“, sagt der alte Karimi voller Stolz. Wir sitzen in seinem Wohnzimmer, umgeben von Großbildfernseher, Video- und DVD-Rekorder, Satellitenempfänger und mehreren Stereoanlagen. Leider gibt es keinen Strom. „Die Hippies gingen barfuss“, erinnert sich Karimi und reibt mit seiner rauen Fußsohle an der Glaskante des Wohnzimmertischs, während wir zuckersüße Orangenlimonade trinken. „Wir dachten: Wie arm diese Leute sind, bei Allah, schaut sie euch an, sie können sich nicht einmal Schuhe kaufen.“ Bis zu 300 Hippies brachte er auf seinem Campingplatz unter, dort, wo jetzt sein kleiner Supermarkt steht und die Großfamilie in elf einstöckigen Kastenhäusern wohnt. „Ich machte tausend Dollar am Tag“, schwärmt Karimi. Der Tourismus sei eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes gewesen. Afghanistan war, wie es damals hieß, mellow. Und es könnte wieder so sein. Bald, sehr bald. Ja, Afghanistan.

Camping in Kabul, Teil I: Afghanistan – druckfrisch von Lonely Planet

Michael Obert, 1966 in Breisach am Rhein geboren, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete im mittleren Management, bis er zu einer zweijährigen Reise durch Lateinamerika aufbrach. Anschließend begann er ein neues Leben als Buchautor und Journalist. Seine Reportagen und Fotografien erscheinen unter anderem in Geo, Stern, Die Zeit, Standard (Wien), Courrier International (Paris), The Journal (New York) und Himal Southasian (Katmandu). Zwischen seinen Reisen lebt Obert in Berlin. „Camping in Kabul“ ist auch in seinem Buch „Die Ränder der Welt“ erschienen.

14.7.2009 · Texte · · ·

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