Camping in Kabul, Teil I: Afghanistan – druckfrisch von Lonely Planet

© Michael Obert

30 Jahre nachdem die Hippies auf ihrem Weg nach Indien durch Kabul reisten, ist der Tourismus in der afghanischen Hauptstadt wieder erwacht. Trotz Krieg, Krisen und Entführungen. Zwischen Japanern mit Kameras und Paschtunen mit Kalaschnikows fühlt sich Reisejournalist Michael Obert wie im absurden Theater. Wäre da bloß nicht der verdammte Kabul-Husten.

Der einzige Tourist in Kabul würde ich sein. Zumindest glaubte ich das, als ich mit der Maschine aus Dubai zwischen Militärhubschraubern und Kampfjets landete. Keine drei Stunden später dann diese Szene: Ein kleiner Mann spaziert mit einem erhobenen Fähnchen durch Kriegsruinen, gefolgt von Menschen mit weißen Sonnenhüten und himmelblauem Mundschutz, die mit ihren Digitalkameras Einschusslöcher in den Hauswänden knipsen – eine japanische Reisegruppe.

Kabul ist eine lustige Stadt. Klingt das absurd? Gut, sehr gut. Das absurde Theater wurde von den Franzosen erfunden, um die Unsinnigkeit der Welt und den darin verlorenen Menschen vorzuführen. Nicht zuletzt als Reaktion auf den Horror der beiden Weltkriege. Afghanistan hat eine zeitgenössische Spielart hervorgebracht. Sie heißt Kabul.

Im Zentrum springt mich das Gefühl des Absurden an jeder Straßenecke an. Schäfer treiben ihre Herden durch den endlosen Strom aus Autos, Minibussen und Mopeds. Ein Landcruiser mit Fernsehbildschirmen in den Sitzen überholt eine Eselkarre, deren Eigentümer hinten das zerbeulte Nummernschild eines Autos festgenagelt hat. Im Restaurant Deutscher Hof serviert Gunter Völker aus Tabarz in Thüringen Schweinshaxe mit Sauerkraut, dazu frisch gezapftes Schwarzbier.

© Michael Obert

Eine Frau streckt mir ihre Hand entgegen, die Finger fehlen, stattdessen eiternde Krater; daneben Internetcafés mit italienischen Espressomaschinen und High Speed-Verbindungen, überall klingeln Handys, werden SIM-Karten, Freisprecheinrichtungen und Easy-Charger verkauft. Ein Schild wirbt: Fahrradverleih, Autoverleih, Sicherheitsdienste mit bis zu 3000 bewaffneten Männern. Und im Basar, wo Alkohol verboten ist, bieten Händler ihr Speiseöl in Johnny- Walker-Flaschen zu 4,5 Litern an und versenken großformatige Fotografien von halbnackten Frauen im Öl – Sex sells. Auch in Afghanistan.

In den letzten Jahren ist die Einwohnerzahl Kabuls auf geschätzte vier Millionen hochgeschnellt. Mit so vielen Menschen kommt die Stadt nicht klar: Müllberge, Wassermangel, ungenügende Hygiene, es besteht die Gefahr von Cholera- und Durchfallepidemien, die Kindersterblichkeitsrate zählt zu den höchsten der Welt, der Verkehr ist mörderisch, die Luft ebenso. Noch vor zehn Jahren gab es in Kabul so wenige Autos, dass man mitten auf der Straße spazieren gehen konnte, jetzt schiebt sich selbst durch die kleinste Gasse eine lärmende, qualmende Blechlawine. Zahllose Generatoren verpesten zusätzlich die Luft. Nachts brechen sich Autoscheinwerfer im Abgasnebel, der die Stadt in ein Schattentheater verwandelt. Dazu der Staub, den der Wind in den Kriegsruinen und auf Feldern aufnimmt, die mit Exkrementen gedüngt werden. Auch mit menschlichen. Früher oder später erwischt der gefürchtete Kabul-Husten jeden. Gegen diese Stadt sind Lima und Kalkutta Luftkurorte.

© Michael Obert

Ich wohne im Mustafa, einem Hotel der Mittelklasse. Meine Zelle ist gerade groß genug für eine Pritsche. Es gibt keinen Ventilator. Rosaroter Putz blättert von den Wänden. Die Toilette liegt am Ende des Flurs, als nachts der Strom ausfällt, taste ich mich in völliger Dunkelheit den langen Gang zurück – und stoße plötzlich mit jemandem zusammen. Ich unterdrücke einen Schrei, erspüre ein langes Gewand, darunter etwas Hartes, Metallisches. Meine Hände berühren einen fülligen Bart, da geht das Licht wieder an. Ich umarme einen hünenhaften Paschtunen im Nachthemd. Er zeigt auf seine Kalaschnikow und sagt „AK 47, good, very good.“ Dann wünschen wir uns eine gute Nacht.

Am nächsten Morgen begegne ich im Basar einer Gruppe amerikanischer Touristen. Sie haben eine „Kabul City Tour“ gebucht, eine ganztägige Führung, die Pauschalreisende zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt bringt: Moscheen, Mausoleen, Gärten, der Vogelbasar, die alte Festungsmauer. Organisiert von einem Unternehmen namens Great Game Travel Company. Es gibt noch zwei weitere solcher Reiseveranstalter in der Stadt. Und mir wird allmählich klar: In Kabul ist der Tourismus erwacht. Trotz Krieg, Krisen und Entführungen werden Ausflüge zu den Überresten der steinernen Buddhas von Bamiyan angeboten. Auch Trekkingtouren in der nördlichen Provinz Badakhshân.

Die Pioniere der Reiseszene raften bereits mit Kajaks auf dem Panshir River, fahren Snowboard im Hindukusch und gleiten an Drachen über die saphirblauen Band-e Amir-Seen. Nicht weit vom Mustafa begegne ich einem tschechischen Rucksacktouristen, der in einem Reiseführer blättert: Afghanistan – druckfrisch von Lonely Planet.

Michael Obert, 1966 in Breisach am Rhein geboren, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete im mittleren Management, bis er zu einer zweijährigen Reise durch Lateinamerika aufbrach. Anschließend begann er ein neues Leben als Buchautor und Journalist. Seine Reportagen und Fotografien erscheinen unter anderem in Geo, Stern, Die Zeit, Standard (Wien), Courrier International (Paris), The Journal (New York) und Himal Southasian (Katmandu). Zwischen seinen Reisen lebt Obert in Berlin. „Camping in Kabul“ ist auch in seinem Buch „Die Ränder der Welt“ erschienen.

9.7.2009 · Texte · · ·

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