Andy Spyra im Interview: „Mut, an die eigenen Geschichten zu glauben“

Obwohl er erst seit drei Jahren eine Kamera besitzt, ist Andy Spyra schon einer der erfolgreichsten Nachwuchsfotografen Deutschlands. In den vergangenen Monaten hat er einen Canon Profifoto Förderpreis, einen PGB Award und als erster Deutscher einen Getty Images Grant gewonnen. Im Interview mit Flare spricht er über Talent zum Fotografieren, den Mut zur eigenen Geschichte und den richtigen Umgang mit Witwen in Kaschmir.

Andy, du hast in letzter Zeit einige sehr renommierte Preise gewonnen. Bist du so gut, oder sind die anderen nur so schlecht?

Andy Spyra: Ich glaub nicht, dass ich wesentlich besser bin als die anderen. Gewonnen haben meine Bilder über den Konflikt in Kaschmir – das war einfach die richtige Geschichte zur richtigen Zeit. Außerdem habe ich den Vorteil, dass ich als Student noch unheimlich viel Zeit investieren und frei arbeiten kann. In Kaschmir habe ich vier Wochen am Stück an der einen Geschichte gearbeitet. Dabei hatte ich keinen Druck von irgendeinem Magazin, eine bestimmte Bildsprache oder ein bestimmtes Thema zu fotografieren. Ich habe keine Termine gemacht, sondern nur das fotografiert, was auf der Straße passiert ist.

Wie bist du darauf gekommen, in Kaschmir zu fotografieren?

Spyra: Bei einer Motorradtour durch Indien hatte ich am Ende noch zwei Monate übrig und bin nach Kaschmir gefahren. Ich war gleich total gefangen von der Landschaft und den Menschen, habe schnell Leute kennengelernt und auch ein paar Freundschaften geschlossen. Ich fühlte mich unglaublich wohl, habe aber gemerkt, wie die Menschen unter dem innerkaschmirischen Konflikt leiden. Das ist der Konflikt der Bevölkerung mit der indischen Regierung beziehungsweise mit dem indischen Statthalter, dem indischen Militär und den paramiltärischen Truppen in Kaschmir. Da habe ich beschlossen, diesen Konflikt zu dokumentieren und zu zeigen, wie es den Menschen dort geht.

War es schwierig dort zu arbeiten?

Spyra: Es gibt halt nirgendwo in der Nähe ein vernünftiges Krankenhaus, wenn mal etwas passieren sollte. Und im Unterschied zu deutschen Demonstrationen wird auch scharf geschossen. In den vier Wochen, in denen ich da war, sind auf Demos 60 Menschen gestorben. Da überlegst du schon irgendwann: Warum mach ich das hier, ist es das wert? Wobei ich nie das Gefühl hatte, dass mein Leben direkt bedroht ist.

© Andy Spyra: Valley of tears

© Andy Spyra: Valley of tears

© Andy Spyra: Valley of tears

Du fotografierst erst seit drei Jahren – wie kommt man so schnell so weit?

Spyra: Das soll nicht überheblich klingen, aber ich glaube, entweder man hat Talent oder nicht. Ich hatte bis vor drei Jahren nicht mal eine eigene Kamera. Per Zufall bin ich auf eine Kunstfotoseite gestoßen und die Sachen haben mir gefallen. Dann habe ich mir meine erste vernünftige Kamera gekauft, eine Minolta Dimage 7. Das fand ich super, hab mir eine Spiegelreflex geholt und ein dreiwöchiges Praktikum als Fotograf bei der Lokalzeitung in meiner Heimatstadt Hagen gemacht. Da war ich danach auch noch ein Jahr lang freier Mitarbeiter.

Du glaubst, man hat Talent zum Fotografen oder eben nicht?

Spyra: Ich denke, Fotografie kann man bis zu einem gewissen Punkt lernen – diese absoluten Basics was Bildkomposition und Technik angeht. Dass du deine Kamera beherrscht. Aber das Gefühl für Momente, für Licht, für Kompositionen, das muss man einfach mitbringen. Ich wüsste nicht, wie ich jemandem das Fotografieren beibringen sollte. Es gibt Millionen Fotobücher zum Thema „Wie werde ich ein besserer Fotograf“, aber ich glaube nicht, dass die irgendwas bringen.

Was zeichnet einen guten Fotojournalisten noch aus?

Spyra: Ein guter Draht zu den Menschen. Man darf kein Soziopath sein. Denn viel Kommunikation findet nur über Körpersprache, Mimik und Augenkontakt statt. Man sollte außerdem offen und ehrgeizig sein. Denn die Konkurrenz ist groß und verdammt gut. Da setzt du dich nur durch, wenn du unheimlich viel Zeit und Energie investierst. Mut gehört auch dazu. Nicht in dem Sinne, zu fotografieren, wenn geschossen wird. Sondern Mut, den eigenen Ideen zu folgen und an die eigene Geschichte zu glauben. Mein Professor an der Uni fand es zum Beispiel nicht toll, als ich zum zweiten Mal nach Kaschmir fahren wollte. Weil für ihn Kaschmir tot fotografiert war und die Geschichte kaum zu verkaufen ist. Womit er auch Recht hat. Kaschmir ist nicht so sexy wie zum Beispiel Afghanistan. Aber ich habe es trotzdem gemacht.

Wieso?

Spyra: Ich habe bei einer Portfolioschau der Fotografin Vanessa Winship mal Bilder von mir gezeigt. Sie meinte, sie seien gut und ich sollte so weiter machen. Aber dann haben wir ziemlich schnell darüber geredet, was ich will und wo es für mich hingehen soll. Sie gab mir den Rat: „Follow your instincts.“ Dieser Satz hat sich eingebrannt bei mir. Und seitdem ich das befolge, läuft es. Danach habe ich mir gesagt, ich mache jetzt mein eigenes Ding und bin gegen alle Widerstände nach Kaschmir gefahren.

Du hast gesagt, du hattest bis vor drei Jahren keine Kamera. Du wolltest also ursprünglich gar kein Fotograf werden?

Spyra: Nach dem Abi habe ich eigentlich auf einen Studienplatz in Sozialwissenschaften gewartet, denn mein Abi war zu schlecht um direkt reinzukommen. In der Zeit war ich Bauarbeiter, habe Hunde ausgeführt, war Fahrer fürs spanische Fernsehen, hab wirklich jeden Scheiß gemacht, um Kohle zu verdienen und reisen zu können. Dann habe ich gemerkt, dass mir die Verbindung Reisen und Fotografie viel mehr Spaß macht, und mich entschieden, Fotograf zu werden. Nach dem Jahr bei der Zeitung bin ich dann zwei Monate lang mit dem Motorrad durch Indien gefahren, um Geschichten zu fotografieren und mich damit in Hannover für ein Fotojournalismus-Studium zu bewerben.

© Andy Spyra: Valley of tears

© Andy Spyra: Valley of tears

© Andy Spyra: Valley of tears

Hat dir das Studium auf deinem Weg auch geholfen?

Spyra: Ja, unbedingt. Ohne die Uni wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Zwar sehe ich vieles kritischer als am Anfang. Aber da war zum Beispiel das Seminar Kurzzeitreportage, in dem wir alle zwei Wochen eine Geschichte fotografieren mussten, immer mit 10 bis 15 Bildern. Das hat mich unglaublich weitergebracht.

Was würdest du und jemandem raten, der Fotojournalist werden will und da steht, wo du vor drei Jahren warst?

Spyra: Fotografieren, vor allem Fotografieren. Rausgehen und sich irgendein kleines Thema vor der Haustür suchen. Ich glaube, es gibt unglaublich viele gute Themen. Man muss nicht nach Kaschmir fahren, um eine geile Geschichte zu fotografieren. Dann würde ich ihm raten: Mach ein Praktikum bei einer Zeitung und guck, ob dir das überhaupt liegt. Außerdem sollte er sich fragen, ob er bereit ist, mit dieser ständigen finanziellen Unsicherheit zu leben.

Wie finanzierst du deine Projekte?

Spyra: Durch die Preise sieht es finanziell für den Rest des Jahres eigentlich ganz gut aus. Ich mache aber auch immer kleine Jobs. Gerade habe ich wieder vier Tage für meine Zeitung gearbeitet, demnächst werde in einem Kindergarten fotografieren. Eigentlich ist es mir egal, was ich fotografiere. In dem Bezug bin ich eine Fotohure: Hauptsache es gibt Geld und ich kann es moralisch vertreten. Wichtig ist nur, dass ich wieder nach Kaschmir, Indien, Lateinamerika oder sonst wo hin fahren und an meinen Geschichten weiterarbeiten kann. Aber ich fotografiere gerne und auch Hochzeiten machen mir durchaus Spaß, wenn es nicht zu viele werden.

Du bist der erste Deutsche, der den Getty Images Grant gewonnen hat. Neben dir wurden drei andere Fotografen geehrt, von denen zwei Magnum-Fotografen sind, darunter einer Paolo Pellegrin. Wie fühlt man sich da?

Spyra: Ha, scheiße geil. Das ist einfach der Hammer. Ich wusste schon einen Monat vorher, dass ich den Getty Award gewonnen habe, aber nicht, wer sonst noch ausgezeichnet worden ist. Dann habe ich gesehen, dass es Pellegrin ist und dachte mir: Krass, der Typ ist einfach so verdammt gut. Er ist eines meiner fotografischen Vorbilder. Und dann stehe ich auf einmal neben ihm auf so einer Preisträgerliste für den Getty Award.

Aus der Kaschmir-Serie hat ein einzelnes Bild den PGB Award gewonnen. Zu sehen ist eine verschleierte Frau, die die Hände ausstreckt. Im Hintergrund ist eine Wand mit Handabdrücken drauf zu sehen. Was ist die Geschichte zu dem Bild?

Spyra: Die Frau ist eine kaschmirische Witwe und bettelt um Geld. Ich bin spazieren gegangen wie jeden Tag. Und sie saß da, hat gebettelt und ich habe das Bild gemacht. Die Hände an der Wand stammen von einer Figur, die dort aufgemalt war.

© Andy Spyra: Valley of tears

Vordergrund und Hintergrund ergänzen sich so gut, dass man fast eine Montage vermuten könnte.

Spyra: Nein, das ist keine Fotomontage. Es ist nur relativ krass bearbeitet mit Tonwertkorrekturen, Abdunkeln und Aufhellen, aber ich mache generell keine Bildmontagen.

Wie verhältst du dich in so einem Moment? Fragst du vorher, ob du sie fotografieren darfst, lächelst du ihr zu, fotografierst du und holst dir nachher die Erlaubnis oder gar nichts davon?

Spyra: Es kommt auf die Situation an. Bei einer Demo kann ich schlecht fragen. Aber in dem Fall: Klar gucke ich die Frau vorher an und frage sie oder mache das über Augenkontakt, Mimik oder das weltweit gültige Auf-die-Kamera-Zeigen. Und klar hab ich ihr danach Geld gegeben – sie ist eine Witwe.

Woher wusstest du, dass sie eine Witwe ist?

Spyra: Das hat mir mein kaschmirischer Guide gesagt, mit dem ich herumgelaufen bin. Das war ein Freund von mir, den ich vor zwei Jahren kennengelernt habe.

Bald fährst du wieder nach Kaschmir. Was hast du dir vorgenommen?

Spyra: Ich möchte mich mit mehreren Themen befassen. Zum einen gibt es durch den jahrelangen Konflikt unglaublich viele Kriegswitwen und Kriegsweisen. Ich möchte mich aber auch mit der Drogenproblematik beschäftigen, die in den letzten Jahren immer krasser geworden ist. Und ich würde gerne den bewaffneten Widerstand dokumentieren. Aber ob ich das schaffe, weiß ich nicht.

Ich habe gehört, dass du planst, dir eine Basis in Bangkok und eine in Berlin aufzubauen.

Spyra: Ja, das ist der Plan für die nächsten fünf Jahre, aber vielleicht auch dauerhaft. Bangkok ist als Basis in Asien einfach optimal, und die Region in der ich mich in den nächsten fünf Jahren arbeiten sehe, liegt zwischen Teheran und Delhi, Afghanistan, Pakistan und Kaschmir.

Und was sind deine langfristigen Ziele?

Spyra: Ich gebe mir zehn Jahre, bis ich von der Art zu Fotografieren, wie ich es mag, leben kann. Das heißt, sich über Magazinreportagen oder ähnliches finanzieren zu können und nicht mehr alle möglichen Jobs annehmen zu müssen. Ich möchte mich aber auch menschlich weiterentwickeln und fotografisch so gut werden, dass ich mit meinen Bildern etwas bewegen kann. Vor Jahren, noch bevor ich mit dem Fotografieren angefangen habe, habe ich mal Bilder in einem Flyer von Ärzte ohne Grenzen gesehen. Ich fand diese Fotos so krass, dass ich mich entschieden habe, jeden Monat 20 Euro an Ärzte ohne Grenzen zu spenden. Das ist etwas, das sich bei mir eingebrannt hat. Deshalb habe immer die Hoffung, dass sich Menschen auch durch meine Fotos zum Handeln bewegen lassen.

© Andy Spyra: Valley of tears

© Andy Spyra: Valley of tears

© Andy Spyra: Valley of tears

Zur Person: Andy Spyra, Jahrgang 1984, kommt aus Hagen im Südosten des Ruhrgebiets. Er studiert Fotojournalismus an der FH Hannover und arbeitet als freier Fotograf. Seine Kaschmir-Serie „Valley of Tears“ wurde mehrfach ausgezeichnet. Mehr Bilder von ihm sind auf andyspyra.com zu sehen.

18.5.2009 · Bilder · · · · · ·

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