“Werke 80-08″: Unheimlich Gursky

Preise, Perspektiven, Größen, Details – in jeder Kategorie sind die Fotos von Andreas Gursky Superlative, die einen schwindelig werden lassen. Jetzt ist ein Bildband erschienen, der seine Arbeiten von den achtziger Jahren bis heute zeigt. Es ist ein Buch, das geschickt verführt. Und obwohl es ein großartiges Werk ist, wird man das Gefühl nicht los, das hier irgendetwas nicht stimmt.

© Andreas Gursky

© Andreas Gursky

5×2 Meter für eine Millionen Euro. Bei den Bildern von Andreas Gursky geht es immer auch um Superlative. „99 Cent“ (1999), ein Bild, das unzählige Artikel in einem Supermarkt zeigt, eine moderne Ikone, Inbegriff einer Überflussgesellschaft, brachte bei Sothebys 2,25 Millionen Dollar. Nie wurde bis dahin mehr für ein Foto bezahlt. Ein Jahr später, 2007, ging „99 Cent II“ (2001) für 3,35 Millionen Dollar weg. Riesige Bilder mit einer wahnwitzigen Auflösung, damit wurde Gursky zum umjubelten „Superstar der globalen Fotokunst“ (Frank Nicolaus). Auf seinen Fotos tummeln sich oft Hunderte Menschen, jeder einzelne ist klar zu erkennen. Große, teure Bilder mit vielen Details.

Ein neues Buch und eine Ausstellung zeigen nun Aufnahmen aus den Jahren 1980 bis 2008. Andreas Gursky hat sein Archiv gesichtet, eine Auswahl von mehr als 150 Bildern zusammengestellt, für Ausstellungen in Krefeld, Stockholm und Vancouver. „Werke 80–08“ heißt die Monografie dazu, erschienen bei Hatje Cantz. Zwanzig Jahre Gursky sind in dem Bildband versammelt, die frühen, „echten“ Aufnahmen (zum Beispiel „Schiphol“ (1994), „Pförtner, Spaeter, Duisburg“ (1982)) wie die betörenden, gewaltigen Wimmelbilder (zum Beispiel „Kuwait Stock Exchange I“ (2007), „Kamiokande“ (2007), „Loveparade“ (2001), „Copan“ (2002)), die elektronisch aufgebohrt die Komplexität der Wirklichkeit zu übertreffen suchen.

Es sind Zeugnissen davon, was der Mensch sich und der Natur so alles antut. Auf denen der Mensch als Spezies vorkommt, nicht als Individuum. Wie in den durchkomponierten Rasterbilder, auf denen unzählige Menschen in unzähligen Stockwerken eines Hochhauses zu sehen sind. Wobei unzählig eigentlich nicht stimmt, mit genügend Zeit und Muße kann man jedes einzelne Menschengeschöpf auf den großformatigen Bildern ausmachen. Wenn einen der Sog, den diese Collagen mit ihren unmöglichen Perspektiven und unheimlichem Detailreichtum entwickeln, nicht vorher hat schwindelig werden lassen.

Mammut-Sog wirkt nur im richtigen Format

Selbst die ältesten in den Katalog aufgenommen Bilder lassen sich, rückblickend betrachtet, in eine Linie mit den aktuellen setzen. Es wirkt alles sehr schlüssig, schon in einem Bild wie „Ruhrtal“ von 1989, auf dem ein Mann unter einer Brücke hindurchgeht, ist alles angelegt: künstliche Strukturen, eine Bühne, ein Schauspiel. Aufgeführt wird der Mensch.

© Andreas Gursky

© Andreas Gursky

Heute reist Gursky längst an jeden Ort der Welt, fotografiert aus Helikoptern heraus, von Kränen und Gerüsten. Seit Anfang der neunziger Jahre montiert er seine Fotokunst anschließend am Rechner zusammen. Er reist um den Globus, ständig in Begleitung einer digitalen Mittelformatkamera, sammelt Material und puzzelt anschließend – „verdeutlichen“ nennt er es. Mit etwas Abstand sind die gewaltigen Strukturen erkennbar. Aber gibt man dem Sog eines dieser Mammutwerke nach, bewegt sich nicht nur mit den Augen ins Bild hinein, es werden einem die Knie weich, die Informationen fluten munter das Hirn, immer mehr gibt es plötzlich zu sehen.

Jetzt kommt das große Aber. Das Buch ist 20,8 Zentimeter breit und 26,1 Zentimeter hoch. Das ist natürlich zu wenig. Bilder wie „Klitschko“ (1999) oder „Chicago Board of Trade II“ verlieren viel von ihrer Magie. Es funkelt noch ein bisschen, der Druck ist hervorragend (Dr. Cantz‘sche Druckerei, Ostfildern, auf Galaxi Supermat, 170 g/m2), es gibt auch so viel zu entdecken.

Der unheimliche „Uncanny Valley“-Effekt

Aber es wird auch etwas sichtbar, das sich vielleicht am ehesten mit dem Begriff „Uncanny Valley“ beschreiben lässt. Damit wird ein paradoxer Effekt bei der Akzeptanz künstlicher Figuren bezeichnet. In den siebziger Jahren beobachtete man, wie Menschen auf menschenähnliche Roboter reagieren. Solange klar erkennbar ist, dass es sich um einen Roboter handelt oder um eine Trickfigur, haben Menschen offenbar wenig Probleme, diese Figuren sympathisch zu finden. Werden sie dem Menschen aber zu ähnlich, schlägt Sympathie und Akzeptanz in Ablehnung um. Winzige Details sind falsch, die die gesamte Erscheinung unangenehm machen. Das ist der „Uncanny Valley“, der unheimliche Knick in der ansonsten linear verlaufenden Beziehung zwischen Akzeptanz und Ähnlichkeit. Zum Beispiel sind die überzeichneten Figuren des Animationsfilms „Wall-E“ niedlich, während die recht menschlichen Figuren aus „Final Fantasy“ mit ihrer hölzernen Art nicht wirklich punkten können.

© Andreas Gursky

© Andreas Gursky

Es ist dieses Gefühl, das sich beim Betrachten so mancher der verkleinerten Aufnahmen einstellt. Ein leichtes Unbehagen, weil zu deutlich ist, zu klar: Es stimmt etwas nicht mit diesem Foto, es wurde nachgeholfen. Das ist nicht immer deutlich zu erkennen, meistens stört es nicht. Aber in der Masse verstärkt sich das Gefühl, geschickt verführt zu werden. Bei „Madonna I“ (2001), der Aufnahme eines Konzerts, wandern die Augen umher, ständig auf der Suche nach der richtigen Blickachse. Es gibt sie nicht. Das mag auch in der Großversion auffallen – nur lenken dort die schiere Dimensionen und die all zu zählbaren Details ab.

Abgesehen davon ist es ein ganz großartiges Buch. Gursky auf 12×15 Zentimeter, 23 Cent pro Bild.

13.4.2009 · News · · · · · ·

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