„Szenen aus einer Zwangsehe“

Reporter-Forum Der eine kann nicht ohne den anderen: Schreiber und Fotograf arbeiten im Journalismus täglich zusammen – und kommen sich dabei nicht selten in die Quere und machen sich das Leben gegenseitig schwer. Im Podcast des „Reporter Forum“ erzählen „Spiegel“-Reporter Alexander Smoltczyk und „Ostkreuz“-Fotograf Maurice Weiss, wie sie es trotzdem miteinander aushalten.

Alexander Smoltczyk wird seine erste Erfahrung mit einem Fotografen nie vergessen: Er recherchierte auf einer Pferderennbahn im Iran. Sein Fotograf, ständig auf der Suche nach dem richtigen Bild für eine Doppelseite, kletterte auf die Startmaschine, um Pferde und Jockeys aus nächster Nähe zu fotografieren. Behangen mit Kameras und Objektiven verlor er das Gleichgewicht, stürzte, löste dabei den Startmechanismus aus und schickte die Pferde frühzeitig auf die Bahn. So verlor der Favorit das Rennen und viele Bauern ihr Erspartes am Wettschalter. „Wir mussten unter Polizeischutz, wie man es aus Mordprozessen kennt, mit Mänteln über den Köpfen, aus dem Stadion geführt werden“, sagt Smoltczyk.

Diese Anekdote erzählt der „Spiegel“-Reporter im Podcast (Teil 1, Teil 2) des „Reporter-Forum“, aufgenommen auf dem Jahrestreffen der Reporter. Zusammen mit dem Fotografen Maurice Weiss von der Agentur „Ostkreuz“ erklärt er, was schief gehen kann zwischen Schreiber und Fotograf, wie sie sich aber auch ergänzen und inspirieren können. Weiss und Smoltczyk, die seit 18 Jahren gemeinsam Reportagen machen, wählten den Untertitel ihres Vortrages nicht ohne Schmunzeln: „Szenen aus einer Zwangsehe“.

„Manche Schreiber machen mir die Bilder kaputt“

„Eine beliebte Situation ist das lange Interview. Da hat man hinterher vielleicht noch 30 Sekunden“, sagt Weiss. „Dann steht der Mensch endlich da, wo er stehen soll, das Licht stimmt, und dann fällt dem Redakteur noch eine wichtige Frage ein und das Bild ist wieder zerstört.“ Es gebe Momente, in denen der Fotograf sich heraushalten sollte, aber eben auch solche, in denen sich der Schreiber zurücknehmen müsse. Mit Smoltczyk und etlichen anderen Reportern funktioniere diese Zusammenarbeit hervorragend. „Es gibt aber auch immer wieder Kandidaten, wo ich sage, mit dem gehe ich nicht mehr zusammen los, der macht mir die Bilder kaputt“, sagt Weiss.

Gemeinsam beschreiben der Reporter und der Fotograf eine Reportage, die sie im Auftrag des „Spiegel“ vor der Frankfurter Buchmesse gemacht haben. Smoltczyk verschaffte ihnen Zugang zum noblen Hotel Hessischer Hof, Weiss freundete sich dort schnell mit Agenten und Verlegern an. „Meine Erfahrung ist, dass Fotografen eine sehr viel höhere Fähigkeit haben, Menschen aufzuschließen“, lobt Smoltczyk. Sie müssten viel mehr Verführer sein, da sie nur eine Chance hätten, ihre Bilder zu machen. Das führe aber auch zu völlig unterschiedlichen Herangehensweisen: „Der Fotograf ist vom Naturell her eher ein Jäger, der Reporter kann sich den Luxus leisten, ein Sammler zu sein“, sagt Smoltczyk.

„Fotografie hat mehr mit Sprache zu tun als mit Malerei“

Weiss ist sich sicher, dass es trotzdem viele Gemeinsamkeiten gibt, „dass viele Techniken, die die Autoren kennen, absolut übertragbar sind auf die Fotografen, und umgekehrt“. So wähle er etwa passend zum Thema ein bestimmtes Kameraformat, der Schreiber einen bestimmten Sprachstil. „Fotografie hat mehr mit Sprache zu tun als mit Malerei, da bin ich fest von überzeugt.“

Das Reporter-Forum ist ein Verein zur Förderung der Reportage in Deutschland. Einmal im Jahr findet der Reporter-Forum-Workshop statt, dessen Vorträge und Diskussionen nachher als Podcasts im Internet zu hören sind. Hier gibt es nicht nur weitere Podcasts, sondern auch die Texte, über die Smoltczyk und Weiss sprechen (Punkt b.).

16.7.2008 · News · · ·

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