Gefühltes Texas

Peter Granser

© Peter Granser

→ Fotostrecke: 5 Bilder

Peter Granser ist einmal quer durch Texas gefahren und hat für seinen neuen Bildband „Signs“ Schilder, Flaggen und Kreuze fotografiert. Entstanden ist ein einfühlsames Porträt des amerikanischen Patriotismus.

Es geht um amerikanischen Nationalstolz, christlichen Fundamentalismus und Patriotismus. Und welcher Ort könnte besser für diese Klischee-Suche geeignet sein, als das konservative Texas, der Bush-Staat mit der Grenze zu Mexiko, der Todesstrafe, der Ölindustrie und der Idee von einsamen, staubigen Cowboys. Die Fotografien von Peter Granser sind aber viel mehr als bestätigte Vorurteile, sie sind eine intensive Auseinandersetzung mit dem Graben zwischen den großen Slogans und Symbolen und der sozialen Realität in den Vereinigten Staaten.

Iraks Uhren ticken anders

Der Autodidakt Ganser bewegt sich mit seinen Bilder immer in der Grauzone zwischen journalistischer Dokumentation und Kunstfotografie. In seinem neuen Bildband „Signs“ porträtiert er wie schon in seinem mehrfach ausgezeichneten „Sun City“ und den Fotos des legendären Vergnügungsparks in „Coney Island“ einmal mehr die Amerikaner und den Mythos Amerika.

Das Foto „Texas-Iraq“ ist eines der beeindruckendsten Bilder der ganzen Serie und gibt die Stimmung des Bildbandes auf einen Blick wieder. Es zeigt eine unbeschriebene, weiße Tafel über der zwei Uhren hängen. Die linke Uhr ist auf die Ortszeit von Texas gestellt und die rechte auf die des Iraks. Es liegt nichts an im Irak, scheint die leere Tafel zu sagen, und das kleine Strichmännchen, das jemand unten rechts auf die Tafel gekritzelt hat, konterkariert die Szenerie. Ein fantastisches Foto.

Der Schmutz der Bush-Administration

Es sind diese fein beobachteten, skurrilen Alltagsmomente, die die Arbeit von Granser auszeichnen und sie so besonders machen. Er zeigt das Klischee der ewig fahneschwenkenden Amerikaner, ohne sie zu belächeln. Er hat ihren scheinbar unerschütterlichen Patriotismus eingefangen und macht derart behutsam die kleinen Risse in der Fassade deutlich, dass es manchmal ein bisschen weh tut. Wie auf dem Bild „Welcome Home 2″: Zwei winzig wirkende Frauen stehen mit Kinderwagen am rechten und linken Rand eines übergroßen „Welcome Home“-Banners in den Farben der US-amerikanischen Flagge – und warten auf ihre Ehemänner, die aus dem Irak zurückkehren.

Eins bleibt noch zu sagen: Wer „Signs“ einmal in Händen hält, wundere sich nicht über den Einband. Ja, er ist schmutzig. Und ja, das ist Absicht. Nach Beschwerden von belieferten Buchhandlungen und Lesern veröffentlichte Gransers Verlag ein Bekenntnis: Ja, wir haben den Umschlag verdreckt! Wie das zu interpretieren ist, bleibt jedem selbst überlassen. Granser hat seine Lesart in einem Interview verraten: Für ihn steht der aufgedruckte Schmutz für den Schmutz, der in den vergangenen Jahren an Amerika und der Bush-Administration haften geblieben ist.

Peter Granser: Signs
Verlag: Hatje Cantz Verlag
Gebundene Ausgabe: 140 Seiten, 99 farbige Abbildungen
Sprache: Deutsch/Englisch
ISBN: 978-3-7757-2157-8

8.7.2008 · News · · · ·

Kommentare

Leave a Reply