„Fotografie an sich ist mir egal“

© Tim Hetherington, UK, for Vanity Fair: American soldier resting at bunker, Korengal Valley

© Tim Hetherington, UK, for Vanity Fair: American soldier resting at bunker, Korengal Valley

Der britische Fotograf Tim Hetherington gewann mit seinem Bild eines erschöpften US-Soldaten in Afghanistan den World Press Photo Award. Im Interview mit Flare erzählt er von der Arbeit im Krieg, der Nervosität zu Hause – und warum Fotografie eigentlich ganz einfach ist.

Mit Tim Hetherington sprachen Olivia Kühni und David Bauer.

Flare: Tim Hetherington, erinnern Sie sich an den Tag, an dem das Bild entstanden ist?

Tim Hetherington: Ja. Es war ein unglaublich intensiver Tag. Die Gruppe war schon zwei Mal angegriffen worden, alle waren erschöpft. Ein Soldat hatte sich das Bein gebrochen. Später erfuhren wir über Funk, dass die Taliban neue Waffen erhalten hatten. Wir waren, gelinde gesagt, besorgt.

Flare: Ihr Bild reist jetzt mit der Ausstellung durch ganz Europa. Sie selber sind so schnell wie möglich nach Afghanistan zurück gefahren. Warum?

Hetherington: Weil es eine unglaubliche Erzählung ist, in die ich da hineingeraten bin. Es ist die Geschichte einer Gruppe Soldaten im extremsten Winkel Afghanistans, und sie ist noch nicht zu Ende erzählt.

Flare: Wie geht sie weiter?

Hetherington: Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir mittendrin sind. Die Geschichte dreht sich um diese Männer und was aus ihnen wird. Wir bleiben, solange sie bleiben. Es ist eigentlich eine offensichtliche Idee, dass man eine Gruppe Soldaten in diesem Krieg begleitet. Aber niemand hatte das zuvor gemacht.

Flare: Sie leben mit diesen Soldaten, essen mit ihnen, schlafen in ihrem Lager, begleiten sie in den Kampf. Sie sehen und erleben alles mit. Hilft es Ihnen, eine Kamera dabei zu haben?

Hetherington: Absolut. Weil ich einen Job zu erledigen habe. Hätte ich da draußen keinen Job zu erledigen, wüsste ich nicht, wie ich mich verhalten sollte. Soll ich mich etwa hinter einem Baum verstecken? Jeder hat eine Aufgabe dort, ich habe meine.

Flare: Was geht einem durch den Kopf?

Hetherington: Ich glaube, die Soldaten versuchen, überhaupt nicht nachzudenken. Es ist ein sehr hartes Leben. Man schläft irgendwo draußen, es gibt weder Strom noch Wasser, man wird beschossen und einige Freunde sind tot. Was tut man in so einer Situation? Man schrumpft die Tage zusammen. Konzentriert sich nur auf den nächsten Schritt. Wozu tue ich das? Wie kommen wir voran? Ist es das wert? Solche Fragen würden die Soldaten nur in den Wahnsinn treiben. Nein, es geht nur um das hier und jetzt Ich baue diese Mauer, ich erledige mein Kämpfen, ich esse meine Vorräte, ich gehe ins Bett und träume von meiner Freundin. Das reicht.

Flare: Hat der Krieg verändert, wie Sie über Menschen denken?

Hetherington: Nicht nur der Krieg tut das. Der Umgang mit Brutalität beschädigt etwas in einem. Sie werden nicht durch die Straßen gehen und denken, das Leben ist einfach wunderbar, alles ist großartig und gut. Nein. Menschen bringen einander um.

Flare: Wenn Sie heimkehren, was passiert dann mit den Bildern, den Gedanken in Ihrem Kopf?

Hetherington: Das ist sehr privat. Das muss nur ich wissen. Sie haben Recht, es passiert etwas. In jeder emotionalen Situation laufen diese Prozesse ab. Geschieht das bei mir auch? Ja. Will ich darüber reden? Nein.

Flare: Werden Sie nervös, wenn Sie zu lange in London bleiben?

Hetherington: Nicht nur in London. Wenn man zu lange in einer Situation verharrt, kann man nicht mehr klar sehen. Die Idee des Exils, innerlich und äußerlich, ist essenziell für meine Arbeit. Es ist wichtig, dass ich etwas erforsche – ganz, ganz nah bin – es spüre und atme und rieche, dann aber wieder rausgehe und darüber nachdenke. Habe ich das wirklich gedacht? Ist das tatsächlich wahr? So entsteht die beste Arbeit.

Flare: Welche Art von Arbeit fasziniert Sie?

Hetherington: Ich interessiere mich für das Extreme menschlicher Erfahrungen. Es ist spannend zu sehen, wie Menschen in einer völlig fremdartigen, psychologisch extremen Situation zurechtkommen. Vielleicht ist das so, wie ich mich auf dieser Welt fühle, und darum erforsche ich auch mein eigenes Fremdfühlen. Fotografie an sich ist mir eigentlich egal. Sie ist mein Mittel, die Welt zu erforschen und Diskussionen anzuregen.

Flare: Wieso haben Sie angefangen zu fotografieren?

Hetherington: Nach der Uni bin ich lange alleine gereist. Mit 21 habe ich fast zwei Jahre in Indien und Pakistan gelebt. Das hat für mich die Welt geöffnet. Als ich dann zurückkam nach England habe ich den Film „Sans Soleil“ von Chris Marker gesehen. Dieser Film hat mich extrem beeinflusst. Ich wusste von da an, dass ich Bilder machen wollte. Filme zunächst, weil Chris Marker ein Filmer war. Also habe ich mich an der New York Film School beworben, mit den Bildern, die ich auf meinen Reisen gemacht hatte. Die waren aber wirklich schlecht, und sie haben mich nicht genommen.

Flare: Also sind Sie Fotograf geworden.

Hetherington: Ja, irgendwer hat mir das empfohlen, und ich dachte, warum nicht? Fotografie ist einfach. Man nimmt sich eine Kamera und zieht los.

Zur Person:
Tim Hetherington wurde 1970 in Liverpool geboren. Heute arbeitet er von London und New York aus als freier Fotograf, unter anderem für das US-Magazin Vanity Fair. Viele seiner Bilder entstanden in Kriegs- und Krisengebieten. Die diesjährige Auszeichnung mit dem World Press Photo Award war bereits seine dritte, allerdings die erste in der Hauptkategorie. Neben der Fotografie betätigt er sich auch vermehrt als Filmemacher.

11.6.2008 · Texte · ·

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