Die Bilder, die Lügen

Retuschierte Covergirls, professionelle Bildaufhübscher und verzweifelte Analogfotografen – die Digitalisierung hat der Fotografie ihre Glaubwürdigkeit geraubt. Oder etwa doch nicht? Das „Zeit Magazin Leben“ regt in seiner aktuellen Ausgabe zum Nachdenken an.
„Wir verlangen von Fotos bis heute absolute Wahrhaftigkeit – und lassen uns hin und wieder doch gerne belügen.“ Henning Sussebach ist selbstkritisch, wenn er über manipulierte Fotos schreibt. Im Aufmachertext des „Zeit Magazin Leben“ sucht der Kisch-Preis-Träger die Grenze zwischen redlicher Bildbearbeitung und Fälschung. Dabei fragt er sich, ob die Digitalisierung tatsächlich Schuld hat an zunehmender Manipulation.
Sussebach spricht mit dem Naturfotografen Norbert Rosing über die Schwierigkeit, heute noch analog zu arbeiten, mit dem Fotokünstler Peter Bialobrzeski über die „Last der Wahrheit“ und mit dem Chefredakteur von TV-Spielfilm über retuschierte Covergirls. Er besucht die Hamburger Produktionsfirma „Elektronische Schönheit“, deren Chefin feststellt, dass sich Fotografen und Stylisten oft nicht mehr richtig bemühen, weil sie sich auf die digitale Retusche verlassen. Die ehemalige „Geo“- und „Stern“-Bildchefin Christiane Gehner erzählt Sussebach vom Fotografen Wilfried Bauer, der erst sein Archiv anzündete und sich dann umbrachte, als er mit dem Tempo der Branche nicht mehr Schritt halten konnte oder wollte.
Trotz aller kritischen Beispiele ist Sussebachs Text keine Pauschalkritik an der Digitalisierung. Im Gegenteil, er wirft vielmehr die Frage auf, ob Bilder nicht schon immer manipulativ gewesen sind und die Digitalisierung bloß zum ersten Mal erstmals kenntlich mache, „dass der Fotografie eine Verfälschung der Wirklichkeit innewohnt“. Bei allen Begegnungen, Gedanken und Argumenten kommt der Autor angenehmer Weise nicht zu einfachen und eindeutigen Urteilen, sondern liefert Anregungen, sich selber Gedanken zu machen.
Vom Kriegsfotografen zum Paparazzo
Natürlich setzt sich das „Zeit Magazin Leben“ auch im Bild mit der Glaubwürdigkeit von Fotos auseinander und präsentiert zwei Serien von Fälschungen. Die erste zeigt mit Promi-Doubles nachgestellte Paparazzi-Fotos. Begeisternd ist das nicht, da man solche Inszenierungen nicht zum ersten Mal sieht und sie zudem nur selten täuschend echt wirken.
Die zweite Fälschungsstrecke, „Ein kleines Bilderbuch der berühmtesten und subtilsten Verdrehungen der Wirklichkeit von 1945 bis heute“, überzeugt dagegen voll. Sie erzählt in Wort und Bild, wie ein Angela-Merkel-Foto seine Schweißflecken verlor, wie „The Mirror“ den Kopf von Dodi al-Fayed digital zur schmachtenden Lady Di drehte, und dass der berühmte „Kuss“ von Robert Doisneau inszeniert war.
Ebenfalls empfehlenswert ist die Geschichte des Fotografen Nick Ut. Sein Bild eines weinenden, flüchtenden Mädchens während eines Napalmangriffes in Vietnam wurde zum wohl berühmtesten Bild des Krieges. Heute jagt Ut als Paparazzo Hollywood-Promis und ist glücklich mit seinem Job. Dabei erzählt der Text nicht nur von einer Fotografenkarriere, sondern auch die Geschichte eines der wirkungsmächtigsten Bilder der Fotogeschichte.
Das „Zeit Magazin Leben“ liegt der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ bei. Die aktuelle Ausgabe, „Ein Heft über die Glaubwürdigkeit von Bildern“, ist noch bis Mittwoch, 11. Juni, im Handel.
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