Wahlkampfkunst und Ausgestopftes

Photonews 4/08 Seit wenigen Tagen liegt die Aprilausgabe der Photonews im Zeitschriftenhandel – mit einem umwerfenden Cover, das die 2,80 Euro Kaufpreis schon allein zu rechtfertigen scheint. Doch der Inhalt offenbart Höhen und Tiefen.

Höhepunkt der neuen Photonews ist das Portfolio der amerikanischen Fotografin Carol Golemboski, aus deren Dunkelkammer auch das Titelbild stammt. Im Heft finden sich vier weitere Werke aus ihrer Serie „Psychometry“ – darunter ein Foto eines ausgestopften Nagetiers unter dem Schriftzug „Run, Run, Fast as you can“.

Photonews erzählt von Golemboskis Arbeit mit symbolkräftigen Gegenständen, die die Fotografin auf Flohmärkten und in Antiquitätenläden findet, sie ablichtet und die Aufnahmen schließlich mit Chemie, Zeichnungen und Kratzern bearbeitet. Mystisch anmutende Fotos.

Wesentlich weltlicher erscheint da der Artikel über die ungewöhnlichen Wahlkampf-Porträts des Hamburger CDU-Bürgermeisters Ole von Beust, fotografiert von Andreas Herzau. Die Schwarz-Weiß-Bilder zierten im Hamburger Wahlkampf quadratmetergroße Plakate. Durch ihre reportagige Bildsprache mit Unschärfen, Anschnitten und betont ruhigen Momenten setzten sich die Fotos von den lächelnden Standardporträts der anderen Parteien ab. Photonews erklärt, wie die Kampagne entstanden ist, warum sich von Beust und seine Werbeagentur für diese Art der Fotografie entschieden haben und wie Fotograf Herzau gearbeitet hat. Kleiner Wehmutstropfen: Stellenweise liest sich der Text wie eine Lobeshymne, besonders wenn die Agentur zum potentiellen Retter der politischen Werbung stilisiert wird.

Polaroidfilm im Schnelldurchlauf

In einem Interview erzählen zwei Professorinnen über das Fotostudium in Essen, das seit Herbst 2007 an der Folkwang Hochschule angesiedelt ist. Leider finden sich praktische Fragen – wie etwa, was neue Studenten hier erwartet – erst hinter einem ellenlangen, komplizierten Einstieg und Erläuterungen zum Umzug im Jahr 2010. Wer nicht selber in Essen studiert hat oder sich sehr für die Fotohochschullandschaft interessiert, wird nur schwer über den zähen Anfang des zweiseitigen Interviews hinauskommen.

Ein halbseitiger Beitrag zum Ende der Filmproduktion bei Polaroid findet sich erst weit hinten im Heft – womöglich, weil die Meldung schon seit Mitte Februar bekannt ist. So kommt der Text recht zeitlos daher und erzählt die Geschichte des Polaroidfilms im Schnelldurchlauf. Allerdings kommen auch die aktuellen Entwicklungen nicht zu kurz. So etwa ein mobiler Fotodrucker fürs Handy und die hoffnungsfrohe Nachricht, dass Polaroid offenbar schon einen Kaufinteressenten für die Maschinen zur Filmherstellung gefunden hat.

Wer nach neuen Ausstellungen sucht, findet Besprechungen der Bilderschau der Street-Fotografin Helen Levitt in Hannover sowie einer Essener Ausstellung zum Leben im Ruhrgebiet. Dazu gibt es einen Ausblick auf die 4. Triennale der Photographie in Hamburg.

Das komplette Inhaltsverzeichnis der Photonews gibt’s hier. Auf der Homepage von Andreas Herzau findet sich außerdem der spannende Audio-Foto-Essay „Ein kurzes Gespräch über das Fotografiert werden“ mit Ole von Beust.

Du findest das neue Photonews-Cover doof, das Interview aus Essen total spannend und über Polaroid möchtest du am besten gar nichts mehr lesen, weil du eh schon alles drüber weißt? Wenn du anderer Meinung bist als der Flare-Autor, kannst du dich im Kommentarfeld austoben. Wenn nicht, natürlich auch.

31.3.2008 · News · · ·

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